Lokale Kultur

Lyrisch Launiges am Rand des Möglichen und viel Gehaltvolles

Beim Dichterwettstreit im club bastion stand Harry Delgado in der Publikumsgunst ganz vorne

Kirchheim. Viel Gehaltvolles, aber auch lyrische Launen am Rand des metrisch Möglichen präsentierten vierzehn Nachwuchspoeten beim Dichterwettstreit im Gewölbe des

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florian stegmaier

Kirchheimer club bastion. Erwartungsgemäß stellte sich die Vorrunde des „poetry slam“ als verseschmie­dendes Panoptikum all dessen dar, was sich innerhalb gebotener Kürze in Reimform oder freiem Fluss sprachlich verpacken ließ.

Von Beziehungsklischees und Alltagskuriositäten reichte der Bogen über eine geschmäcklerische Weinverkostung bis hin zur zeitlosen Vanitas. Eine ansprechende Vielfalt für das Publikum, in der sich zum Auftakt auch „Bastionik“ Andreas Kenner tummelte und das schwäbische Jurameer kreuz- und paarreimig durchquerte. In der Manier einer vorweihnachtlichen Büttenrede geriet sein charmanter urzeitlicher Ausflug zum zeit- und medienkritischen Rundumschlag.

Letztlich waren es Sophia Schmid, Pierre Jaravan und Harry Delgado, die in der Gunst der Publikumsjury hoch genug standen, um den Einzug ins Finale zu schaffen. Mit originellen Paarbildungen hatte Sophia Schmid, die jüngste Teilnehmerin des Wettbewerbs, schon in der Vorrunde punkten können. Das eindeutig zweideutige „Klaviervorspiel“ sicherte ihr dann gegen den Ludwigsburger Julian Durst den Etappensieg im Halbfinale. Den dritten Preis heimste sie schließlich mit dem nachdenklich gehaltenen Liebesgedicht „Die Wolke“ ein.

Den Hattrick fest im Blick hatte Lokalmatador Pierre Jaravan. Eher für empfindsame Poesie bekannt, entpuppte sich der zweimalige Sieger der Vorjahre auch als lyrischer Scherzkeks, der zwischen „Wortlaub und Hornhaut“ schon mal mit „Zäpfchen und anderen Schwierigkeiten“ zu kämpfen hatte. „Ich nehme einen Besen und kehre in mich ein“ war Jaravans Rezept in der Bastion, um doch noch den künstlerischen Innenraum zu betreten, den er sensibel und virtuos mit einer Baum-Elegie ausfüllte.

Ein geistreich angelegtes Kompendium an Redewendungen und Phrasen hatte er für die Endrunde im Gepäck. Ins Wort geronnene Missverständlichkeiten, die Jaravan mit feiner Ironie ineinander wob, um die „perfekte Beziehung“ zu umreißen. In solch idealer Zweisamkeit konnte es sich der junge Dichter vorstellen, auch überfüllte Bahnfahrten „in vollen Zügen zu genießen“. Seiner Herzensdame, die ihm elegant wie keine „das Wasser reichen kann“ und sich Zudringlichkeiten „aufgebrezelter Bäcker“ zu erwehren hat, machte er zuletzt das reizende Geständnis, dass sie ihn „gerne haben könne“. So knapp wie sich Jaravan im Halbfinale gegen den ebenfalls hervorragend auftretenden Arnim Wahls durchsetzen konnte, so hauchdünn scheiterte er im Endspurt gegen Harry Delgado.

Mit gemessenen 135,5 Dezibel fiel der akustische Publikumszuspruch zugunsten Delgados aus, der sich mit doppelbödigem Wortwitz aufs Siegertreppchen kalauerte. Eigentlich sollten seine Texte „Der Apfel hat was in der Birne“ und „Das Eis hat einen an der Waffel“ mit „Der Himmel hat einen beschränkten Horizont“ zur grandiosen „Trilogie“ vervollständigt werden. Da man aber, so Delgado, „über den Himmel keine Witze macht“, blieb sein Finalbeitrag unbetitelt.

Hatte Harry Delgado eben noch den „Waffelstillstand im Kalten Krieg“ beschworen, pendelte er nun zwischen „Optimismus und Onkel Fiskus“, spürte nach, warum bei schrägen Typen der Haussegen schief hängt und monierte, dass man zwar Pfannkuchen wolle, aber „dazu nicht die Eier“ habe.

Die Kunst des „poetry slam“ lebt eben auch vom Unterhaltungswert. In dieser Hinsicht erwies sich Delgados Mix aus kritischem Fingerzeig und pointiertem Verbalklamauk für das überwiegend junge Publikum als die zündendste Mischung.