Lokale Kultur

Lyrische Begegnungen im Kirchenschiff

Poesie und Musik mit Tina Stroheker, Walle Sailer und dem Chor der Martinskirche zum Abschluss eines erfolgreichen Möriketages

Bissingen. Die Musikalität, ein besonderes Merkmal in Eduard Mörikes Sprache, inspirierte immer wieder Komponisten zur Vertonung seiner Gedichte. Der Dichter selbst,

Anzeige

Brigitte Gerstenberger

sich seiner genialen Fähigkeiten durchaus bewusst, fabulierte ironisierend in seinem Gedicht zur Warnung „Weichlich im Gemüt, beinah poetisch, ja, bat ich die Muse um ein Lied.“

Mit drei Mörike-Liedern, von Werner Gneist „Derweil ich schlafend lag“, Hugo Distlers „Gärtner“ und Hugo Wolfs „Mausefallensprüchlein“, leitete der Chor der Martinskirche Kirchheim unter der Leitung von Ralf Sach in vertraut gesanglicher Meisterschaft in der Ochsenwanger Kirche die Lesung ein, die unter dem Leitspruch stand „Geheimwort – jemand hat es geflüstert“. Ein durchaus trefflich gewähltes Motto für das gemeinsame Programm der Schriftsteller Tina Stroheker aus Eislingen und Walle Sayer aus Horb.

Die zeitgenössische deutsche Lyrik vergaloppiert sich oftmals sperrig in allzu viel Pathos, nicht so die kurzen Texte des Thaddäus-Troll-Preisträgers Walle Sayer, der in seinen Gedichten auf das Unauffällige, auf den Alltag und vor allem auf die Erinnerung vertraut, auf lakonische Streifzüge „im Hü und Hott der Tage“. Tina Stroheker ist bekannt geworden durch ihre Lyrikbände, vor allem aber auch durch ihr Engagement, ihre Berichte, Geschichten und Miniaturen aus und über Polen.

In ihrem Band „Pommes Frites in Gleiwitz“ berichtet sie unter anderem auch über ein Dichtertreffen mit polnischen und deutschen Schriftstellern, das im Frühjahr 1998 eine Woche lang im Mörikehaus Ochsenwang stattgefunden hat. Dabei wurden auch Gedichte Eduard Mörikes ins Polnische übersetzt. Beiden Schriftstellern gemein sind ihre knappen Verse. Lyrik, die es auf den Punkt bringt, Bildersprache mit klaren Ansagen, poetische Mitteilungen, bei denen die Lyrikerin Tina Stroheker existenzielle Erfahrungen aus Schmerz, Verlust und Tod auslotet. Hingegen liefert überwiegend die schwäbische Heimat den geografischen Hintergrund für Walle Sayers Prosatexte. Dabei ist er weit entfernt, ländliche Idylle zu skizzieren. Das Ergebnis waren lyrische Begegnungen, bei denen die Autoren die vorgetragenen eigenen Texte jeweils unter ein Mörike-Zitat stellten.

Der zu Beginn etwas holprige Dialog entwickelte sich aber zunehmend zu einem harmonischen Ganzen, bei dem die liebenswürdige, stille Gestalt Eduard Mörikes eingebettet wurde in die zeitgenössische Lyrik der beiden Autoren. Von Lebensnot und Seelenfülle, von Bedrängnis der äußeren Lage und dem Reichtum der inneren Empfindungen strahlt die Kraft von Eduard Mörikes Werk bis ins Heute hinein. Für die geneigten Zuhörer entstand ein interessanter gedanklicher Abwägungsprozess zwischen der biedermeierlichen Behaglichkeit und der präzisen heutigen Ausdruckswelt von Tina Stroheker und Walle Sayer.

Zum Mörike-Zitat „Oh flaumenleichte Zeit der dunklen Früh“ aus „An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang“ stellte Walle Sayer seinen Text „Erbauungsschrift“, gegenüber. „Als Sprungtuch liegt der Bettvorleger dar.“ Seien „für die Dichter Dinge zuweilen wie eine Sphinx“, merkte Tina Stroheker an, so wenig geheimnisumwittert sei dann auch ihr Text, wie beispielsweise „Anweisung: Löse das Band und öffne die Schachtel“.

Ihrem Text gegenüber stellte sie den letzten Satz aus Mörikes Gedicht auf eine Lampe. „Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.“ Bei diesen Versen erscheint er einmal mehr als ein Spätling der Romantik, die Lampe als Symbol verschwindet immer mehr in der Vergangenheit. „Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückst du an leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs.“ Gleichwohl, so scheint es, schaffte sich Mörike mit diesem Gedicht einen moralischen Halt für sein so unglückliches Leben.