Kirchheim

Mädchen belästigt, Polizisten verunglimpft

Im beschaulichen Bad an der Lindach in Kirchheim haben sich am Mittwoch unschöne Szenen abgespielt

Im Kirchheimer Freibad ist es am Mittwochnachmittag zu ­Gewaltszenen und sexuellen Belästigungen gekommen.

So voll war das Freibad am Mittwochnachmittag. - Wer sich hier nicht an die Regeln halten will, hat leichtes Spiel. Das Foto ist
So voll war das Freibad am Mittwochnachmittag. - Wer sich hier nicht an die Regeln halten will, hat leichtes Spiel. Das Foto ist wenig mehr als eine Stunde vor den Übergriffen entstanden. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Bei tropischer Hitze geht es am Nachmittag oft hoch her im Kirchheimer Freibad. So war es auch am Mittwoch. Das Thermometer zeigte über 30 Grad, die Zählschranke am Eingang verzeichnete nahezu 4 000 Besucher. An solchen Tagen haben die Schwimmmeister ein besonders wachsames Auge auf die Becken. So fiel Betriebsleiter Alfred Krause ein dunkelhäutiger Badegast auf. Er sprang von der Seite ins volle Becken und gefährdete damit andere Gäste. Nach Vorwarnung forderte der Bademeister den Beckenspringer auf, das Wasser und das Bad zu verlassen – was diesen jedoch nicht beeindruckte. Deshalb rief der Freibadchef kurzerhand die Polizei.

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Den Beamten zeigte sich der Mann erst einsichtig. Dann aber weigerte er sich, seine Personalien anzugeben. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen 17-jährigen Asylbewerber aus einem französisch-sprachigen Gebiet. Als ihn die Polizisten aufs Revier mitnehmen wollten, schmiss er seine Tasche weg und ging mit geballten Fäusten auf die Polizisten los. Die überwältigten ihn, wobei ein 25 und ein 44 Jahre alter Beamter leicht verletzt wurden.

Doch damit nicht genug, die Stimmung schaukelte sich erst richtig hoch: Etwa 30 Badegäste beschimpften die Polizisten in übelster Weise. Von „Rassismus“ sei laut Polizeiangaben die Rede gewesen, und der Mann wurde angestachelt, sich zu wehren. Dieser Menschenpulk soll, wie auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker geschockt mitteilte, keineswegs nur aus Flüchtlingen bestanden haben: „Polizeibeamte verunglimpfen – das kann nicht sein“, urteilt die Stadtchefin fassungslos. Der Unmut richtete sich auch gegen einen Bademeister. Als er die aufgebrachte Menge beschwichtigen wollte, wurde er am Hals gepackt und umgestoßen. Ermittlungen wegen Körperverletzung laufen.

Nachdem weitere Streifenwagen eingetroffen waren, löste sich der Pulk auf. Die Szene beruhigte sich jedoch nicht. Sven Heinz vom Polizeipräsidium Reutlingen teilt mit: Je mehr Polizisten vor Ort waren, desto mehr Kinder, vor allem Mädchen, aber auch deren Mütter, begannen zu erzählen, dass die Kinder zuvor begrabscht worden waren. Mehrere Mädchen schilderten unter Tränen und völlig aufgelöst von sexuellen Belästigungen. Eine Reihe von Anzeigen wurde erstattet.

Zentrum der Übergriffe war das Strudelbecken, bei dem Schwimmer auch mal auf andere gespült werden. – Eine Situation, die man zwar nicht herbeiführen darf, die aber sehr leicht herbeigeführt werden kann. Zu den angezeigten Vorfällen gehört beispielsweise eine Szene, wonach einer Zehnjährigen etwa um 16.45 Uhr das Bikinioberteil weggezogen wurde. Kurz darauf fasste ein Unbekannter einer Elfjährigen an den Po. Hier konnte die Polizei mithilfe von Zeugen einen 21 Jahre alten Tatverdächtigen, der Englisch sprach, ausfindig machen und nahm ihn zur Dienststelle mit.

Gegen 17 Uhr wurde einer Dreizehnjährigen im Strudelbecken von einem Badegast, der Anfang zwanzig war, an den Po gefasst und die Bikinihose heruntergezogen. Der Bademeister, der dies beobachtet hatte, stellte den Mann sofort zur Rede. Im allgemeinen Getümmel machte er sich allerdings aus dem Staub.

Noch etwas später, gegen 17.30 Uhr, begrapschte ein 25 bis 30 Jahre alter Mann zwei 14-jährige Mädchen an den Brüsten und am Schritt. Er rieb zeitweise sein erregtes Glied an den Mädchen. Die Polizei ermittelt in allen genannten Fällen. Zeugen und Personen, die möglicherweise zusätzlich geschädigt wurden, sollen sich unter 0 70 21/50 10 melden.

Allen Beteiligten stecken die Ereignisse vom Mittwoch spürbar in den Knochen. In Kreisen junger Eltern gab es gestern kaum ein anderes Thema. Mütter haben Sorge, ihre Töchter allein ins Freibad zu lassen, wo sie sie seither sicher wähnten.

Auch Schwimmmeister Krause muss die Erlebnisse verarbeiten und hat Verständnis für eine gewisse Verunsicherung bei seinem Team. Dass die Bademeister bei Hitze und großem Besucheransturm alle Hände voll zu tun haben, sind sie gewöhnt. „Da kommen auch Leute, die sonst nie ins Freibad gehen“, erläutert Krause: „Wenn sich da einer daneben benimmt, greifen wir rigoros durch.“ In der vorigen Saison sei dies schon ein paar Mal der Fall gewesen. Niemals sei es allerdings so ausgeartet wie am Mittwoch.

Sven Heinz fasst zusammen, dass alle mutmaßlichen Täter als arabisch-stämmige Personen beschrieben wurden. Was ihn besonders erschreckt, ist das krasse Missverhältnis zwischen Tatverdächtigen und Opfern. Letztere waren gerade mal Teenager, wogegen die mutmaßlichen Täter gestandene oder zumindest junge Männer waren. Interessant ist die Handhabung der Eintrittsregelungen: In Kirchheim erhalten Asylbewerber den Stadtpass. Damit können sie bis zum Alter von 16 Jahren kostenlos das Bad besuchen, danach für den halben Preis. In einem mehrsprachigen Flyer hat man sie seither über Benimm im Bad aufgeklärt.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker macht klar: „So geht‘s nicht, Mädchen und Frauen sind kein Freiwild!“ Neben Sofortmaßnahmen (siehe links) soll am Integrationskonzept gearbeitet werden.

Ins Freibad mit Polizeischutz und Security?

Kirchheim. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ist geschockt: „Seit geraumer Zeit setze ich mich für eine Stimmung des friedvollen Miteinanders in Kirchheim ein – und jetzt das!“ Sie sieht die Bemühungen für das Gros derer, die Zuflucht suchen, in Gefahr. Ihr Appell lautet daher einerseits, in der Kirchheimer Gesellschaft nicht in ein anderes Fahrwasser zu verfallen. Andererseits sind sich die Stadtverantwortlichen ihrer Pflicht zu handeln sehr wohl bewusst. Matt-Hei­decker kündigt Sofortmaßnahmen an, die gestern besprochen wurden. Wichtigster Punkt: Die Stadt wird einen Security-Dienst beauftragen, im Freibad nach dem Rechten zu sehen – zumindest an heißen Tagen mit großem Besucherandrang. Weiter wird dem Schwimmmeisterteam der Rücken gestärkt, unmittelbar vom Hausrecht Gebrauch zu machen: „Wer sich nicht an unsere Regeln hält, fliegt!“ Dabei soll sich das Team jederzeit von der Polizei helfen lassen, die ebenfalls ein wachsames Auge aufs Freibad hat.