Lokale Kultur

Manche "Perspektiven" eröffnen sich erst durchs Fernglas

KIRCHHEIM Die Stuttgarter Straße zwischen Kirchheim und Ötlingen ist sicherlich kein Schmuckstück. Aber sie beherbergt welche. Dazu gehört die Werkstatt von Monika Majer und Jochen Herzog. Kurz vor dem Ortseingang von Ötlingen

Anzeige

KAI SONNTAG

liegt das Haus, in dem sich ihr Atelier für Skulptur und ihre Werkstatt für Steinbildhauerei befindet. Inzwischen ist es bereits Tradition, dass die beiden Künstler, deren Werke bereits dem breiten Publikum in Kirchheim unter anderem durch die Kunstsymposien 2005 und 2006 in der Innenstadt bekannt geworden sind, im November ein Veranstaltungswochenende durchführen, das der künstlerischen Interpretation eines Themas gewidmet ist. Die diesjährige Veranstaltung stand unter dem Titel "Perspektiven" und wurde in einer Ausstellung, einer Performance und einem Workshop umgesetzt.

Für die Ausstellung haben die beiden Steinbildhauer ihre Werkstatt geräumt, um Platz für Kunstwerke der unterschiedlichsten Art zu gewinnen. Selten werden die Räumlichkeiten von Monika Majer und Jochen Herzog so gefüllt gewesen sein, wie bei der Vernissage zum Auftakt des Veranstaltungswochenendes. Bemerkenswert ist, auf welche Art das Thema "Perspektiven" künstlerisch umgesetzt werden kann. Bereits die Eröffnung zeigte die Vielfalt der künstlerischen Darstellung. Denn seine Interpretation von "Perspektiven" zeigte der Gitarrist Thomas Horstmann aus Tübingen mit einem Mix aus sphärischen Klängen und Rhythmen.

Monika Majer hat eine Komposition geschaffen, in der sie eine Schaukel neben einen Steinblock installiert hat. Über der Schaukel ist an der Decke eine Schrift mit Gedanken zum Thema "Perspektiven" angebracht. "Ich habe die Schrift so klein gehalten, dass sie nur mit einem Fernglas zu sehen ist. Damit ergeben sich aus der Verbindung der Schaukel, Bewegung, und dem Steinblock, Stillstand, mit dem Fernglas ständig neue Perspektiven der Schrift und damit auch des Themas", erklärte die 34-jährige Bildhauerin, die nach der Ausbildung zur Steinmetzin eine Studium an der Akademie für Gestaltung in Ulm absolvierte. Jochen Herzog, Steinmetz- und Steinbildhauermeister, hat eine Skulptur aus Kalkstein angefertigt, die verschiedene Perspektiven des menschlichen Lebens vermittelt und verschiedene Figuren in unterschiedlichen Lebenssituationen darstellt.

Die Künstlerin Anja Majer, die als freie Künstlerin in Berlin lebt, hat sich an der Ausstellung mit einer Komposition beteiligt, der sie den Namen "Keine Wahlurne" gegeben hat. Die Installation besteht aus verschiedenen Fotos mit Urnen, die eine eigene Perspektive und Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Leben geben sollen.

Regine Sigel aus Owen war mit verschiedenen textilen Objekten vertreten. Sabine Rempp-Durla aus Leonberg zeigte eine Materialcollage. Die Künstlerin und Musikerin verwendet in ihren Werken bevorzugt Materialien, die bereits gebraucht sind. Für die Ausstellung hat sie einen Rahmen aus Restholzstücken geschaffen, der mit Gegenständen des Alltags bestückt ist. Im Rahmen hängt ein Vorhang aus Teebeuteln, die auseinander gefaltet und wieder zusammengenäht wurden und der leicht hin- und herweht. Während der Rahmen das Festgefügte der Welt darstellt, ist der Vorhang das Undefinierbare und Nicht-Greifbare unserer Existenz.

Das anspruchsvolle Programm der beiden Bildhauer aus Kirchheim wurde tags darauf in der Aussegnungshalle am Waldfriedhof fortgesetzt. Eingeladen waren die Schauspielerin und Sprecherin Maria Amman aus Köln sowie der Kirchheimer Musiker und Komponist Peter Schönfeld. Gemeinsam zeigten sie eine Performance mit dem Thema "Stille". Vertont und mit Musik untermalt wurden Texte unter anderem von Samuel Beckett, Erich Kästner, Sören Kiekegaard und Anselm Grün. Passend zum Ambiente bot ihre Auseinandersetzung mit der Stille eine eigene Perspektive im Gegenpol zur Hektik des Alltages.

Im Rahmen eines Workshops konnten Interessierte dann mit dem Schorndorfer Keramikermeister Kai Koesling Urnen aus Ton erstellen. Mit den Urnen verliehen die Teilnehmer ihrer Perspektive von Leben und Tod Ausdruck, indem sie eigene Gedanken, Bilder und Gefühle in die Gestaltung einfließen lassen konnten.