Lokale Kultur

Mannschaftsspiel statt musikalischer Alleingänge

KIRCHHEIM Unter dem Leitmotiv "Tastenlöwen sind nicht einsam" prägen die Kirchheimer Musiktage in den nächsten vier Wochen das Geschehen in Kirchheimer Veranstaltungslokalen. Auch wenn das Motto nicht so ganz ernst gemeint ist,

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GERHARD FINK

nimmt es doch Bezug auf ein real existierendes Problem: Insbesondere die klassischen Pianisten, Gralshüter eines unermesslichen Solorepertoires vom "wohltemperierten Klavier" bis zu den Sonaten von Pierre Boulez, kämpfen mit dem Alleinsein auf der Bühne, das mit der Standardform ihrer Konzertauftritte unauflöslich einhergeht.

Nicht wenige auch der prominentesten Künstler mussten diesem Druck schon Tribut zollen: Psychisch bedingte Karrierepausen, psychosomatische Erkrankungen oder rätselhafte Lähmungserscheinungen haben so manchen Künstler zumindest auf Zeit aus der Bahn geworfen. Zu allem Überfluss gibt es in Pianistenkreisen auch noch die Überzeugung, der gemeinsame Auftritt im Rahmen der Kammermusik schade dem Marktwert eines Solisten. Wer also mit einem Geiger oder einem Streichquartett im Konzert gemeinsame Sache mache, dem traue man gewissermaßen den hoch dotierten Alleingang nicht mehr zu.

Dabei gibt es zahllose Bekenntnisse gerade der berühmtesten Klavierspieler, die den künstlerischen Zugewinn aus dem gemeinsamen Musizieren preisen und die lebenslang das Repertoire der Kammermusik und/oder des Liedbegleiters gepflegt haben ohne jeden Nachteil für Reputation und Geldbeutel. Welche Anzahl von Spitzenkompositionen, welche künstlerischen Herausforderungen, welch dankbare und publikumswirksame Klavierparts lässt sich der Virtuose entgehen, wenn er die Kammermusik ausklammert. Es gibt also Gründe genug, den Schwerpunkt der "Tasta-Tour" einmal so zu legen, dass der einsame Tastenakrobat nicht im Mittelpunkt steht.

Die Sonderrolle der Tastenkünstler ist ja ohnehin nur auf dem Feld der klassischen Musik zu beobachten. Jazz und Unterhaltungsmusik dagegen zeigen diese bestens integriert nützliche und vielseitige Ensemblemitglieder, die mittels ihrer zehn Finger und einer sinnreichen Mechanik respektive Elektronik eine Menge bewegen können.

Eröffnet wird der Veranstaltungsreigen am Samstag, 22. April, von dem Blues- und Boogieduo "Netzer & Scheytt", das um 20.30 Uhr in der Bastion in der aparten Besetzung Gitarre und Piano die klassische Epoche ihrer Musikrichtung mit neuem Leben erfüllt. Am Mittwoch, 26. März, gastiert mit dem Guarneri-Trio eines der weltbesten Kammerensembles aus dem Bereich Klassik um 19.30 Uhr in der Stadthalle. Ivan Klansky, der Pianist des Trios, darf geradezu als Paradebeispiel für die gewinnbringende Verbindung von Solokarriere und Kammermusik-Engagement gelten: Auf beiden Terrains spielt er in der obersten internationalen Klasse.

Auf ihren jeweiligen Gebieten gilt für das "Eivind Aarset Trio", einem Fixstern der norwegischen Jazzszene, und für die Kölner Saxophon Mafia, die in den nächsten Wochen in der Bastion gastieren werden, der gleiche Qualitätsmaßstab. Den Sonntag, 7. Mai, sollten sich alle Freunde sensibelster Tastenkunst im Kalender dick anstreichen: Im Rahmen einer einstündigen Matinee wird der Cembalist Heinrich Walther im Kirchheimer Schloss zunächst das Instrument Clavicord vorstellen, ehe er am Abend unter dem Motto "When Laura smiles" gemeinsam mit der Sopranistin Gertrud Junker das Virginal als Begleit- und Soloinstrument zum Klingen bringt.

Ein weiterer "Sensibilist" beschwört am Samstag, 6. Mai, in der Bastion das "Ende der Nacht": Liedermacher Manfred Maurenbrecher stellt sein neues Programm vor, das an Herz und Nieren gleichermaßen zu gehen verspricht. Der Reigen der Kinderveranstaltungen beginnt mit dem Programm "Mozart Wunderkind", das die Rezitatorin Heide Mende-Kurz und das Peregrina-Quintett am Samstag, 29. April, im Kirchheimer Schloss präsentiert.

Die traditionellen Erzählkonzerte der Musikschule, in denen unter anderem Dimitri Schostakowitsch vorgestellt wird, folgen ab Mittwoch, 10. Mai. Ganz und gar nicht einsam wird es gewiss auf der Orgelbank der Martinskirche zugehen, wenn Bezirkskantor Ralf Sach am Samstag, 29. April, zu einem Improvisationskurs an der Orgel einlädt. Auch passive Kursteilnehmer sind dabei willkommen.

Den Verbund über die Grenzen der Musik hinaus suchen am Sonntag, 30. April, bei einem Konzertabend für "Auge und Ohr" die Kirchheimer Malerin Vera Stütz-Neumann und die Musiker Gertrud Junger, Agathe Steiff, Hartmut Premendra-Mayer und Franz Xaver Thoma im Rundsaal des Kirchheimer Schlosses. Auch der Gedenktag für Max Eyth am Samstag, 6. Mai, findet ein musikalisches Echo: Cecilia Tempesta, Bernhard Moosbauer und Jens Wollenschläger laden zu einer musikalischen Reise auf den Spuren des Dichter-Ingenieurs ins Kornhaus.

Dem Schumann-Gedenkjahr sind zwei Veranstaltungen gewidmet, die das Vokalwerk des Romantikers herausheben: In der Christuskirche geben Juliane Bauer und Winfried Müller, begleitet von Eric Mayr am Sonntag, 7. Mai, einen Liederabend und der Chor der Martinskirche präsentiert sich am Sonntag, 21. Mai, zur Mittagsstunde unter dem Motto "Auf in Gottes hellen Morgen" im Schlosshof.

Zwei weitere Konzerte sind herrlichen Werken der klaviergebundenen Kammermusik gewidmet und bringen die Begegnung mit Künstlern von außergewöhnlichem Rang: Am Maifeiertag stellt sich das blutjunge "Tecchler-Trio" vor, eine Formation, die in den letzten Jahren einen kometenhaften Aufstieg verzeichnen konnte. Am Sonntag, 14. Mai, gastiert mit dem Münchner "Aglaia-Quartett" ein weiteres Mal Oliver Kern in der Stadthalle, der sich vom gefeierten Preisträger zu einem maßgeblichen Repräsentanten der deutschen Pianistentradition entwickelt hat. Freilich, ganz ohne Alleingang geht es dann doch nicht ab: Der junge Pianist Roman Voronenko, der seine Ausbildung in Russland erhielt und seit einigen Jahren in Kirchheim lebt, möchte am Samstag, 29. April, sein Debüt im Kirchheimer Schloss mit Werken von Schostakowitsch, Beethoven und Liszt feiern die Einsamkeit ist ihm offensichtlich noch nie zum Problem geworden.

Das Gesamtprogramm der Tasta-Tour 2006 ist unter www.tastatour.org im Internet abrufbar und liegt außerdem als Faltprospekt in gedruckter Form vor. Erhältlich ist das Programm in vielen Einzelhandelsgeschäften der Kirchheimer Innenstadt, beim Verkehrsverein und in der Geschäftsstelle der Volkshochschule.

Weitere Auskünfte über das Programm können in der Geschäftsstelle des Kulturrings im Spital unter der Rufummer 0 70 21 / 97 30 32 eingeholt werden.