Lokale Kultur

"Marke Eigenbau": Erfinden scheint eine klare Männerdomäne zu sein

KIRCHHEIM Menschen, die verbessern und verändern wollen, haben die Ausstellungsstücke entwickelt, die unter dem Titel "Marke Eigenbau" noch bis Sonntag, 17. September, in der Galerie im Kirchheimer Kornhaus zu sehen sind. Seit

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KAI BAUER

dem neunzehnten Jahrhundert gelten besonders die Schwaben als Tüftler und Erfinder in Deutschland. Die Namen Daimler, Zeppelin oder Hahn sind ein Teil des nationalen Selbstverständnisses geworden. Große Erfinder brauchen jedoch große Unternehmerpersönlichkeiten.

Daimler hatte seinen Maybach, bemerkte Dr. Ulrich Hägele, Kulturwissenschaftler aus Tübingen, in seiner Einführung zur Eröffnung der Ausstellung. Außerdem scheint Erfinden eine Männerdomaine zu sein. Nur zwei der insgesamt vierzig Ausstellungsstücke im Kornhaus sind von Frauen entwickelt worden. Eine drehbare Sitzbank, die sich nach dem Sonnenstand ausrichten lässt, wurde von Dagmar G. Maiwald-Herrmann erfunden. Imke Klattenhoff, Schneiderin und Modedesignerin, hat das Trami entwickelt, eine Tragehilfe für Gehbehinderte und zwei Helfer.

Ganz im Sinne des Ingenieurkünstlers Max Eyth, dessen 100. Todestag in Kirchheim mit einer Reihe von Veranstaltungen gefeiert wird, hatte der Kunstbeirat eine Ausschreibung initiiert. Erfindungen, Tüfteleien und technische Kuriositäten der Marke Eigenbau sollten für die Sommerausstellung im Kornhaus eingereicht werden.

Zu sehen sind zum einen zweckfreie künstlerische Erfindungen wie "Der Doppelstecker" von Sam Szembek, ein Objekt, dessen Anwendung mit Lebensgefahr verbunden scheint, oder "Useless", ein kinetisches Objekt von Wigleis Hoffmann.

Es gibt auch eine Reihe von Verbesserungen und Hinzufügungen an Alltagsgegenstände, die deren Gebrauchswert steigern, wie beispielsweise die zusammenklappbare Rucksacksäge von Jochen Dochow. Eine weitere Gruppe besteht aus Erfindungen, die aus der Not geboren wurden, wie die historische Gülleschapfe, die Dieter Runk von einem Flohmarkt erstanden hat. Hier wurde ein deutscher Wehrmachtsstahlhelm an einen langen Stil montiert. Das daraus entstandene Objekt diente nicht nur als Hilfsgerät in der Nachkriegszeit, sondern zeigt durchaus künstlerisch-politische Dimensionen, wie Dr. Ulrich Hägele in seiner Einführung bemerkte. "Damit kommt die braune Brühe immer wieder hoch".

Während der Eröffnung am vergangenen Sonntag konnten die zahlreichen Besucher sehen, wie die Erfinder ihre Objekte selbst vorführten. Die Grenzen zwischen Performance, Objektkunst, Erfindermesse und technisch-künstlerischen Konzepten sind fließend und können nicht klar gezogen werden. Damit reiht sich die Ausstellung auch über das Max-Eyth-Jahr 2006 hinaus in das Konzept des Kunstbeirats ein, der immer großen Wert auf eine starke Einbindung des Programms in die städtischen Alltagsstrukturen legt.

Ein guter Tüftler ist Utopist, Tagträumer und Realist in Einem, stellte Dr.Ulrich Hägele in seiner Einführung fest. Mit der Erfindung alleine ist es jedoch nicht getan. Etwa achttausend Euro müsse man aufwenden, um seine Idee europaweit schützen zu lassen. Innovation kann also ganz schön teuer sein.

Manchmal geht der Erfinder sogar ganz leer aus, wie Friedrich Schneller, der gleich mit zwei Erfindungen, einem Kehrset und einem Combi-Schaltwecker in der Kirchheimer Ausstellung "Marke Eigenbau" vertreten ist. Er hatte nämlich in den fünfziger Jahren die Grundidee für das Postleitzahlensystem erfunden und dies auch der Post vorgestellt. Kurze Zeit später wurde es eingeführt, ohne dass Friedrich Schneller dafür auch nur gewürdigt worden wäre. Sein heutiger Kommentar dazu entspricht ganz der schwäbischen Bescheidenheit. "Ha, des war halt nix, aber deshalb hab i mei Ruh ghabt".

Zu sehen ist die Ausstellung "Marke Eigenbau" im Kornhaus in der Max-Eyth-Straße 18 dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs bis freitags von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.