Lokale Wirtschaft

Markt, Moral und Wirtschaftsethik

Als Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) vertritt Ludwig Georg Braun die Interessen von mehr als 3,6 Millionen Unternehmen, und er führt den Medizintechnikhersteller "B. Braun Melsungen AG" mit über 27 000 Mitarbeitern. Außerdem gilt Braun als aktiver Protestant was das für ihn mit dem andern zu tun hat, darüber sprach er in der Reihe "Klartext im Blarer".

PETER DIETRICH

Anzeige

ESSLINGEN Jeder Mensch habe seine besondere Würde, sei Geschöpf und Ebenbild Gottes, betonte Braun zu Beginn. Jeder Mensch und Mitarbeiter müsse deshalb geachtet werden, "auch wenn ich mich maßlos über die Leistung von jemandem ärgere". Aus dieser Würde heraus erwächst für Braun große Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, über die sich keine Gemeinschaft hinwegsetzen dürfe. Jedem dürfe nur so weit geholfen werden, wie er es brauche. Wenn der Staat eingreife, müsse die Effizienz dieses Eingriffs "stets aufs Härteste geprüft werden", schnell könne gesellschaftlich verordnete Solidarität zu erstickender Bürokratie führen. Trotzdem sei Solidarität wichtig Braun beschrieb sie als "Wohlwollen, Respekt und Gerechtigkeit". Dass Markt und Moral nicht zusammenpassten, sei eine falsche Behauptung, christliche Soziallehre und Wirtschaftsethik seien sehr wohl zu verknüpfen. Dabei gehe es sowohl um das Verhalten des Einzelnen als auch um die Gestaltung des gesellschaftlichen Rahmens.

Der Preismechanismus brauche der Solidarität wegen Grenzen, dennoch: "Wir müssen die Informationsfunktion der Preise aufrecht erhalten." Es könne nicht sein, nach dem Staat zu rufen, er solle die Benzinpreise senken, nur um sein Verhalten nicht ändern zu müssen nicht so schnell, nicht so lange oder gar nicht zu fahren. Umweltschützer, die dabei innerlich klatschten, freuten sich zu früh, denn anschließend griff Braun die Förderung der Wind- und Solarenergie an: Es sei richtig, dass der Staat zu Beginn Impulse setze, er sei jedoch "gegen eine Weiterführung aus Ideologie heraus". Das sei "grundverkehrt", weil es zu Trägheit führe.

Soziale Hilfen würde Braun gerne umschichten, viel mehr in bessere Bildung und in Mobilität stecken. Seine besondere Sorge gelte den Jugendlichen, die wegen nicht ausreichender schulischer Qualifikation keinen Ausbildungsplatz fänden. "Wir alle müssen uns bewegen, statt dies nur von einzelnen Gruppen wie Politikern und Unternehmern zu fordern."

Die rund 80 Besucher, die der Einladung des Evangelischen Kirchenbezirks und des Evangelischen Bildungswerks ins Gemeindehaus am Blarerplatz gefolgt waren, eröffneten die Diskussion mit kritischen Nachfragen: Nach der Verpflichtung des Eigentums, nach der Arbeitslosigkeit, nach der Grundlagen der Preisbildung am Markt. Es gebe nicht zu wenig Arbeit in Deutschland, aber sie sei zu teuer, antwortete Braun, für einen Unternehmer sicher wenig überraschend. Das war eher seine Kritik ins eigene Lager, in dem er eine "Schwäche des Muts bei Unternehmensführungen" ausmache, unter anderem bei der Forschung. Von den USA könnten wir lernen, große Vermögen vermehrt für menschenfreundliche Interessen einzusetzen, betonte Braun: "Wir haben beim Stiftungsrecht nachgebessert, aber nicht genug." Was bei allem Geben zu bedenken sei: "Als Christen teilen wir gerne den Mantel. Vielleicht sollten wir andere einen Mantel nähen lehren für sich und andere."