Lokale Kultur

Maximum an Atmosphäre

Das Trio Friedrich – Sieverts – Moreno bot im Kirchheimer Club Bastion Jazz der Extraklasse

Kirchheim. Ein Grund, warum Trio-Jazz sich einer zeitlos anhaltenden Beliebtheit erfreut und in seiner aktuellen Entwicklung reichhaltige Impulse junger Ensembles aufzunehmen vermag, kann seine spezifische Aufforderung sein, sich auf eine

Florian Stegmaier

Suche zu begeben. Eine Suche nach Harmonie und Gleichgewicht, die aber bloße Statik und schieres Nivellement umgeht, lieber in geistesgegenwärtiger Kommunikation variantenreich die Polaritäten umkreist und so dynamische Klangräume schafft, deren Architekturen stets aufs Neue skizziert, erbaut und wieder zerlegt werden.

In solch ein farbig fluktuierendes Kraftfeld einzutauchen, dazu hatten Jazz-Freunde im Kirchheimer Club Bastion Gelegenheit. Das Trio von Pianist Jürgen Friedrich, Bassist Henning Sieverts und Tony Moreno am Schlagzeug, zeigte eindrucksvoll, wie wechselseitige Inspiration aus unterschiedlichen ästhetischen und stilistischen Ansätzen heraus zünden und organisch zusammengehen kann.

Bezugnahmen auf Olivier Messiaen und barocke Formen waren gleichermaßen eingebunden wie der Blick auf die Tradition des Modern Jazz. Dass mit „Nardis“ und „Someday my prince will come“ je eine Hommage an Bill Evans zu Anfang und Ende des Konzerts stand, mag mehr als eine höfliche Reverenz gewesen sein. Lag doch angesichts der vornehmlichsten Qualitäten des Friedrich-Trios eine künstlerische Verwandtschaft zur Klangkultur von Evans und seinen ehemaligen Mitstreitern klar auf der Hand.

Tony Moreno mit Paul Motian in eine Reihe zu stellen, mag heute beiden zur Ehre gereichen. In der differenzierten und wunderbar klangfarbigen Behandlung der Becken ebenso wie im subtilen, akzentuierten Umgang mit dem Jazz-Besen bewegen sich beide Meister fraglos auf Augenhöhe. Mit geschmeidiger Technik vereinte Henning Sieverts am Kontrabass melodisches Kolorit mit rhythmischer Finesse, war bewegliches Bindeglied und die fluide Schnittstelle des Trios.

Jürgen Friedrichs unprätentiöse, feinsinnige und überaus kultivierte Klavierkunst zeichnete ein frappierender Sinn für musikalische Ökonomie aus. Jeder Ton schien bereits im Vorfeld mit Bedacht gewägt und hinsichtlich seiner klanglichen Verwendung fein austariert zu sein. Mit wenigen akustischen Ereignissen ein Maximum an Atmosphäre und Ausdruckskraft zu erzielen – wie beim Beginn von „Round Midnight“ besonders exponiert zu erleben – geriet zur speziellen Signatur des Konzerts.

Dabei ist Jürgen Friedrich alles andere als ein Minimalist. Intervallische Motive dienten den kollektiven Improvisationen des Trios oftmals als Keimzellen, aus denen sich Klangbögen spannten, die in kontrollierter, aber keineswegs unterkühlter Leidenschaft fortgesponnen und wenn nötig auch vollgriffig verdichtet wurden.

Aus dem Moment geschöpfte Reflexionen abseits aller Selbstbespiegelung, eine klangliche Innenschau, der auch Kulmination und verhaltenes Pathos nicht fremd war: Friedrich, Sieverts und Moreno beschenkten ihre Hörer reich und werden mit ihrem Gastspiel der Extraklasse dem Kirchheimer Jazz-Publikum noch lange in lebendiger Erinnerung bleiben.

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