Lokale Wirtschaft

"Mehr Mut zu Reformen und ins eigene Können vertrauen"

Ein neues Jahr, ein neuer Anfang: Die beiden Bezirkskammern der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nürtingen und Esslingen gehen ab sofort gemeinsame Wege. Mit ihrem ersten Neujahrsempfang in der Nürtinger Stadthalle K3N läutete die neue Kammer das Jahr der Fusion und den Prozess der Erneuerung ein.

NÜRTINGEN In ihren Neujahrsansprachen forderten Esslingens IHK-Präsident Wolfgang Kiesel und Festredner Prof. Dr. Bernd Gottschalk vom deutschen Verband der Automobilindustrie, sich auf deutsche Tugenden und Stärken zu besinnen. Der Standort Deutschland brauche Innovationen und Unternehmergeist auch in der Politik.

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Noch ganz frisch ist die neue Zusammengehörigkeit der IHK-Bezirkskammer Nürtingen und Esslingen. Stärker möchte die IHK mit der Fusion auf Kreisgebiet werden, Arbeitsabläufe optimieren, Synergieeffekte nutzen; auch beim Personal. Werden Standard-Services wie in der Außenwirtschaft nach wie vor an beiden Standorten angeboten, wird in das Weiterbildungsangebot künftig in Nürtingen konzentriert. Die Rechtsberatung, Gewerbeförderung und Ausbildung sind demnächst in Esslingen angesiedelt.

Die neuen Strukturen, so Kiesel, werden ab der Sommerprüfung 2005 greifen: "Für die laufenden Abschlussprüfungen bleibt alles wie geplant", erklärte er. Der Präsident der Esslinger Kammer, der unter den Gästen in der Nürtinger Stadthalle neben zahlreichen Mitgliedern auch Landrat Heinz Eininger und Regierungspräsident Andriof sowie die Bundestagsabgeordneten Karin Roth, Rainer Arnold und Markus Grübel sowie zahlreiche Vertreter der Landes- und Kommunalpolitik begrüßte, ist sich sicher, dass die Kammern mit ihrer Fusion den richtigen Weg beschritten haben. Reformen, Neuorientierung, Synergieeffekte Kiesel fordert dies auch für den Standort Deutschland.

In seiner Neujahrsansprache kreidete er der Politik in Berlin die Zögerlichkeit, mit der Reformen angegangen würden, ebenso wie die Leichtfertigkeit an, wie mit den lange zu erkennenden, gefährlichen Entwicklungen umgegangen werde. Noch mehr bedrücke ihn, dass der Exportweltmeister Deutschland zugleich Champion im Jammern und Schlechtreden sei: "Es gibt genügend Potenziale in deutschen Unternehmen bei den Unternehmern wie den Arbeitnehmern die wir nutzen oder verstärkt nutzen könnten", hielt er dagegen. Nur so, ist er überzeugt, könne man den steigenden Wettbewerbsdruck standhalten. Forscher- und Entwicklungsgeist, unternehmerische Initiativen und hervorragend ausgebildete Fachkräfte dies seien Faktoren, die zu einem echten Standortvorteil für Deutschland führten, gab er angesichts der anhaltenden Diskussionen über die Auslagerung von Produktionen ins Ausland zu bedenken: "Es ist klar, dass wir nicht billiger sein können als die Chinesen: Aber wir können besser sein und unsere hausgemachten Probleme schneller lösen", erklärte er. Deshalb müsse Deutschland "an allen Hebeln arbeiten" von Material- und Lohnkosten bis zur Verbesserung von Fertigungsprozessen und Abläufen.

Der Präsident der IHK Esslingen griff zudem die Diskussion um die Unlust der Deutschen am Kinderkriegen auf. Für Kiesel "symptomatisch", wie die Politik bei vielen wichtigen Feldern viel zu lange brauche, um Probleme und ihre Folgen zu erkennen und richtungsweisend zu reagieren. Nun sei die Erkenntnis gereift, dass hierzulande viel mehr Betreuungsplätze gebraucht werden. Auch die Wirtschaft sei gefordert, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser zu fördern, Instrumente wie flexible Arbeitszeit stärker zu nutzen. Es sei darüber hinaus ebenso ein gesellschaftliches Thema, bemerkte der IHK-Oberste: "Ich denke, alle Gruppen sind aufgerufen, den Wert von Familie und Kindern wieder ins rechte Licht zu rücken", forderte er ein kinderfreundlicheres Klima in Deutschland.

Umbruch statt Reformstillstand, das mahnte auch der Festredner des Abends, Prof. Dr. Bernd Gottschalk an, der über Chancen und Risiken der Globalisierung in der Automobilindustrie für den Standort Deutschland sprach. Deutschland und die EU dürften sich nicht in der zweiten Liga einrichten, sich nicht damit abfinden, dass mehr als ein Wachstum von 1,5 bis 1,8 Prozent "eben einfach nicht drin sei", so der Präsident des Verbandes der deutschen Automobilindustrie, der seit kurzem ebenso dem Weltverband der Automobilhersteller vorsteht. Anhaltende Diskussionen über Rezepte aus der Krise, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, Debatten über neue Abgaben- und Steuervorschläge oder Leistungskürzungen all das verunsichere den Bürger, verfestige die Angst um den Arbeitsplatz und die Sorge um die Einkommenssituation: "Um eine Wende in der Konsumstimmung herbeizuführen, ist dies nicht angetan", forderte Gottschalk von der Politik klare und verlässliche Ansagen dazu, was sich ändert, wie viel es kostet und worauf man sich verlassen können wird.

"Die Politik mag glauben, dass sie die Antwort auf diese Fragen gemeinschaftlich hinter die nächste Wahl drücken kann das können die Unternehmen nicht", merkte er an. Die Wirtschaft wartet auf ein deutliches Signal von der Bundesregierung: "Deutschland kann mehr, und dafür muss die Politik gerade 2005 die Weichen stellen", lautete Gottschalks klarer Appell Richtung Berlin.

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