Lokale Kultur

Mehrstündige Sondierungsgespräche ergebnislos abgebrochen

KIRCHHEIM "Vorsicht, Satire" diese Warnung war überflüssig beim Publikum in der Kirchheimer Bastion, hinter dem Andreas Kenner wohl nicht ganz zu Unrecht die "Jahreshauptversammlung der Kirchheimer ,Titanic'-Abonnenten" vermutete.

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ANDREAS VOLZ

Beim folgenden Zeitungsbeitrag seien hingegen diejenigen ausdrücklich vor dem Weiterlesen gewarnt, denen der Zugang zur Satire fehlt, denn "Die Jungen Redakteure" aus Frankfurt Oliver Nagel, Stefan Gärtner und Mark-Stefan Tietze kennen bei ihrer sehr ernsthaft betriebenen Holzhammersatirearbeit zwar jede Menge Spaß, dafür aber keinen Herrgott, weder links noch rechts von der Mitte. Weil die Redakteure nach Möglichkeit kein Klischee auslassen, ließen sie nicht nur ihr Publikum ausdrücklich zum Rauchen und Trinken auffordern, sondern kamen auch höchstselbst dieser Forderung in schöner Regelmäßigkeit nach. Schließlich sollte der Abend lange genug dauern.

Gähnende Langeweile kam aber trotz mehr als dreistündigen, intensiven Leseprogramms nur einmal auf, als die westfälische Uni-, Fahrrad- und Friedensschlussstadt Münster im Mittelpunkt stand. Doch auch hier war der Name der Rubrik Programm: "Öde Orte". Weltläufig wie die Titanic-Redakteure und "PARTEI"-Mitglieder (stärkster Landesverband: Nordrhein-Westfalen) nun einmal sind, war es ihnen vielleicht einfach nicht bekannt, dass der intellektuelle Alt-Württemberger in diesem Zusammenhang ausschließlich Tübingen anerkennt.

Die Beschreibung eines weiteren öden Orts fiel wesentlich lebhafter aus, was vor allem dem Protagonisten "Fotzenfritze" zuzuschreiben sein dürfte, der aus diesem Ort stammt: Arnsberg im Sauerland. Bei ihrer Reportage über die Heimatstadt von Friedrich Merz, dem "größten Rhetoriker seiner Partei (1,98)", ließen die Frankfurter Redakteure etliche skurrile Typen zu Wort kommen, ob diese nun real existent sind oder nicht. Da ist beispielsweise der "arbeitslose Vegetarier" Willi Lübke, der mit "Fridolin Merz" zur Schule gegangen sein will und ihn beim Sport immer abschreiben ließ, oder Friseur Horsti, der stolz den Topf präsentiert, "mit dem ich früher den Merz frisiert habe".

Politik ist das eigentliche Ressort der Satireredakteure, und so hatten sie sich bereits zu Beginn ihrer "Multimedia-Show" in der Bastion zu Sondierungsgesprächen über eine Jamaika-Koalition an den Podiumstisch gesetzt. Stunden später brachen sie die Gespräche ergebnislos ab, obwohl sie eindeutige Aussagen zu ihren jeweiligen politischen Standpunkten getroffen hatten.

Da war Mark-Stefan Tietze als Vertreter von Bündnis 90/Die Grünen, der regelmäßig eigenhändig Kröten über die Straße trägt in ein Etablissement auf der anderen Seite. Für die FDP wiederum machte sich Oliver Nagel stark, für den "liberal" mehr ist als nur ein Wort "nämlich ein Adjektiv". Auch Flexibilisierung und Wettbewerb liegen ihm am Herzen, sofern es sich um Drogenpolitik oder Wet-T-Shirt-Konkurrenzen handelt. Stefan Gärtner schließlich vertrat "Christlich-Demokratische Unsinns"-Themen wie die Einführung der "Kopfsalatpauschale" oder auch "eine privilegierte Partnerschaft meiner Person mit Nadja Auermann".

Ein besonderes Merkmal der Redakteure besteht darin, Ereignisse nicht nur zu beschreiben und zu kommentieren, sondern auch zu machen. So gründete das Titanic-Team eine eigene Partei die "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative", kurz die "PARTEI". In Ost und West sind sie dabei auf große Begeisterung gestoßen, die sich nach eigenem Bekunden in Sätzen äußert wie: "Mein Vater oder mein Großvater waren auch schon in der Partei." In kurzer Zeit hat die PARTEI zwei wichtige politische Ziele erreicht, das erste bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: "Wir wollten das Schröder-Regime stürzen, und das haben wir geschafft."

Parteinahme für die etablierten Parteien brauchen sich die PARTEI-Mitglieder nicht vorwerfen zu lassen, denn das zweite politische Ziel war dem ersten diametral entgegengesetzt. Mark-Stefan Tietze: "Bei der Bundestagswahl hatten wir einen schönen Erfolg. Wir haben die Alleinherrschaft des Merkels verhindert, und darauf sind wir sehr, sehr stolz." Ziel der zentralen PARTEI-Kundgebung am 2. September in Berlin war die Wahl einer "unverschämt gut aussehenden Kanzlerkandidatin" getreu dem Motto: "Es muss ein Rock durch Deutschland gehen."

"Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten außer uns." Das ist einer der wichtigsten Wahlkampfslogans der PARTEI. Einige der elf potenziellen Kanzlerkandidatinnen hatten sich auf das PARTEI-Casting entsprechend vorbereitet. So erinnerte eine von ihnen an "die schrecklichen Bilder des Mauerfalls", eine andere wucherte mit den Pfunden einer ordentlichen Berufsausbildung: Als gelernte Architektin könne sie die Mauer persönlich wieder aufbauen. Am Ende sollte die PARTEI mit zwei Kandidatinnen ins Rennen gehen: "Die eine blond, die andere brünett, die eine aus dem Osten, die andere aus dem Westen perfekte Harmonie".

Mit weniger perfekten Harmonien beendeten die Jungen Redakteure ihr Programm in der Bastion: Auf einem regionalen Kirchentag in Erfurt war die Titanic-Redaktion unter derm Pseudonym "Die Kabarett(chr)isten" aufgetreten und sang lustige Lieder wie "Da steht ein Papst auf dem Flur", "So ein Kirchentag, so wunderschön wie heute", "Sag beim Abschied leise Amen", "Pack die Taschenbibel ein" oder "Zieht den Moslems die Pluderhosen aus". Außerdem setzten sie sich in Thüringens Landeshauptstadt dafür ein, dass Erich Mielke nicht in die Hölle muss, sondern mit Fegefeuer davonkommt. Die Redakteure berichteten genüsslich von ihren extremen Erfurter Jenseits-Erfahrungen im Kaffeesack-Büßergewand und spielten dazu schaurig-schöne Live-Mitschnitte ein. Nur an einem Punkt mussten sie ihre Fans enttäuschen: Noch ist die CD nicht im Handel erhältlich.