Lokale Kultur

Melancholie und Stolz

Dass der Tango keineswegs nur ein temperamentvoller Gesellschaftstanz ist, sondern seinen Liebhabern eher zur Lebenshaltung gerät, Affekte wie Melancholie und Stolz vereint, sich in reichlich Sentiment ergeht

FLORIAN STEGMAIER

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und dabei auch den Rand des Kitsches nicht scheut, wurde mit dem musikalischen Gastspiel des Gitarrenquartetts "Take Four" deutlich, das auf Einladung des vhs-Kulturrings im restlos besetzten Rundsaal des Kirchheimer Schlosses sich mit den diversen Facetten des Tangos auseinander setzte.

Die aus Deutschland und Belgien stammenden Gitarristen Pia Grees, Johan Fostier, Matthias Kläger und Luc Vander Borght haben unter anderem bei Alberto Ponce in Paris studiert und sind mit etlichen internationalen Preisen hoch dekoriert. Aus dem 1994 gegründeten Tscherepnin-Quartett, das etwa eine Konzerttournee nach Kairo und Alexandria führte, ging fünf Jahre später das Take-Four-Quartett hervor.

Wohl nach dem Vorbild von Mussorgskys Promenade geisterte Eric Saties "Tango perpetuel" durchs Programm und blitzte als schon bald altbekannter roter Faden stets in neuem Gewand auf. En miniature demonstrierten die vier Künstler damit nicht allein ihr unbestreitbares Geschick für intelligente und geschmackvolle Arrangements, sie zeigten auch die große Bandbreite an Klangfarben auf, die ein Gitarrenquartett zu bieten hat und sich damit vor hierzulande etablierteren Gattungen nicht zu verstecken braucht. Die Darbietung von "Soledad" und der "Fugata" des Bandoneon-Großmeisters und Schöpfers des "Tango nuevo" Astor Piazolla stand dem hinlänglich bekannten Original an Farbigkeit, Emotionalität und Präzision des Zusammenspiels nicht im geringsten nach.

Egal ob es eher artifiziell zuging so etwa bei Strawinskys Tango aus dem Jahre 1940 oder dem von Christopher Grafschmidt dem Take-Four-Quartett gewidmeten "Buenos Dias, Ira E.", in dem Motive der mittelalterlichen Dies-Irae-Sequenz auftauchen , ob bei Unto Mononen, einem der Hauptvertreter des finnischen Tangos, der Herzschmerz regierte, oder ob in den Stücken des brasilianischen Meisters Ernesto Nazareth sich folkloristisches Kolorit die Bahn brach, stets agierten die vier Künstler stilsicher und makellos, spielten sich präzis die Bälle zu und verkörperten damit musikalische Quartett-Kultur in Reinform.

Zweifellos war das Gastspiel des Take-Four-Quartetts eine schöne Bereicherung des Kirchheimer Musiklebens, nicht nur der äußerst erfreulichen Publikumsresonanz wegen, es wurde zudem ein Instrument in den Mittelpunkt gerückt, das zwar im Popularbereich größte Verbreitung genießt, im klassisch-konzertanten Sektor hierzulande jedoch noch immer allzu stiefmütterlich behandelt wird.