Lokale Kultur

Melodische Form auch in mächtigem Klangrausch

KIRCHHEIM Ausverkauft war das zweite Abonnementkonzert des Kulturrings Kirchheim. Julian Gulden lockte mit Chopins e-Moll-Klavierkonzert Jung und Alt in die Stadthalle. Das große, mehrfach preisgekrönte Nachwuchstalent, das dieser

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PATRICK TRÖSTER

Tage das Abitur bestreitet, ist hierzulande seit Jahren ein Begriff. In der örtlichen Musikschule groß geworden, konnte man beim "Podium" und anderen Konzerten seit Jahren verfolgen, wie sich dieser Pianist entfaltet.

Zur Einstimmung auf das Hauptereignis wurde das selten dargebotene "Notturno" aus dem Jahr 1826 von Felix Mendelssohn Bartholdy vorweg gereicht. Die elfköpfige Bläserbesetzung entfaltete im Einleitungsteil mit weichen, dynamisch fein abgestuften Akkorden eine samtene Stimmung, gefolgt von einem burschikosen Schluss, der federnd, pointiert und mit einem zackigen Tempo dargeboten, die Zuhörerschaft in einem wachen Spannungszustand für das Folgende versetzte.

Julian Gulden besticht mit Klarheit, Kontur und Schlichtheit bei Chopins Klangfülle und melodi-scher Verspieltheit eine Kunst. Das erste Klavierkonzert des Wahlfranzosen besticht durch seine Virtuosität: da sprudeln die Tasten geradezu und die Finger fliegen darüber hinweg. Doch Julian Gulden lässt sich nicht verleiten und beansprucht keine pure Könnerdominanz. Diese hat er selbstredend, er konzentriert sich auf das Hintergründige. Und da ist auch diesem Virtuosenkonzert manches an Zartheit und Tiefsinn abzulauschen.

Im Kopfsatz nimmt er nach der Orchesterexposition das Heft in die Hand und verdichtet das drängende Hauptthema klanglich, um dem elegischem Seitenthema Raum zu geben, ohne den Wehrmutstropfen einzuträufeln. Das Ziel im Auge und klar strukturiert wird die Durchführung schnörkellos in Angriff genommen, denn Julian Gulden ist kein Showman. Auch in mächtigem Klangrausch und Tastenperlen bleibt die melodische Form erhalten. Der rote Faden ist allgegenwärtig.

Seine Auffassung von "Romance" so ist das folgende Larghetto gekennzeichnet ist französisch-klassizistisch: ehrlich, fast entzaubert und frei von Zuckerpathos. Er singt die Melodien auch unter den variativen Verzierungen liedmäßig aus, und da beginnt der etwas xylofonern klingende Flügel sanft mit einzuschwingen. Das Schlichte belebt sich selbst; es braucht keine Rührmaschine. Selbst im dahinrauschenden Finalrondo mit den saftigen Akkordpassagen und dem wirbelnden Zierat wirkt bei Julian Gulden das Vivace fast schon schelmisch. Er glänzt durch sich selbst. Minutenlangen Beifall konnte er kaum schon begreifen.

Felix Mendelssohn reiste viel und verarbeitete seine Erlebnisse in Musik. Das wild-romantische Schottland, die Landschaften aus "Loch", "Ben" und "Glenn", die schicksalsschwangeren Nebelbänke, einsame Burgen, brummige Macks, dudelsäckische Feste und die zerklüftete Küste mit der aufgewühlten See sind das Thema seiner dritten Symphonie in a-Moll. Er gießt seine Erlebnisse in die viersätzige Symphonieform und enthebt sie so purer Programm-Musik. Mit Matthias Baur am Pult leistete das Schwäbische Kammerorchester Gewaltiges. Wie unter Strom führte Matthias Baur nicht ganz frei von stereotypen Gesten und einem ganz auf ein Publikum ausgerichtetes Konzertdirigat seine Musiker.

Der erste Satz gewinnt nach und nach an Fahrt, und das schwärmerische zweite Thema ist nur eine Unterbrechung des Melodramas. Schelmisch gelingt das anschließende kernige Vivace mit seinen Bläsermelodien. Doch schon der langsame dritte Satz stand etwas unter Dampf: Die gelöste Ruhe mochte sich im Hauptthema nicht so recht einstellen. Beim präfinalen "Allegro vivacissimo" erhöhte sich der Druck; es wirkte leistungsorientiert. Die Melodien türmten sich nur so auf, die Höhepunkte jagten einander. Auch im auslaufenden Allegro maestoso blieb die Spannung aufrecht. Stramm und kräftig zupackend das schottische Maestoso-Abschlussthema. Auf Dramaturgie abzielend die Zielgerade. Großartig der triumphale Siegeszug: ein mentaler Endspurt.