Lokale Wirtschaft

"Messe hat Auswirkungen"

Die Region Stuttgart feiert den Baubeginn für die neue Landesmesse an einem "exzellenten Standort" in direkter Nachbarschaft zu Flughafen und Autobahn. Zehn Jahre voller Planungen, Genehmigungsverfahren und gerichtlichen Auseinandersetzungen waren dem Baubeginn im September vorausgegangen.

CHRISTA ANSEL

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WENDLINGEN Einer, der im Hintergrund maßgeblich dafür gesorgt hat, dass der Grunderwerb für die neue Landesmesse schließlich trotz des heftigen Protestes einiger Landwirte gelungen ist, ist Hans Köhler, Geschäftsführer der Landsiedlung Baden-Württemberg GmbH und Bürgermeister von Wendlingen in der Zeit von April 1978 bis September 1992.

Als engagierter Politiker appelliert Köhler an die Kommunen in der Region, auf die Auswirkungen der 2007 fertig werdenden neuen Landesmesse auf den Fildern vorbereitet zu sein. Dabei sollte seiner Ansicht nach das Kongresszentrum der neuen Landesmesse in Verbindung mit dem Flughafen, dem geplanten Filderbahnhof und der Schnellbahntrasse gesehen werden. "Das Heranrücken der Landesmesse eröffnet die Chance zur Vermarktung mancher Industriebrache oder Gewerbefläche, ist er überzeugt.

Regionaldirektor Dr. Bernd Steinacher nennt die am Flughafen entstehende moderne Messe "ein absolutes Muss" und meint damit auch eine gute Verkehrsanbindung oder einen gut ausgebauten Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV). Stuttgarts Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster ergänzt im jüngsten Magazin des Verbands Region Stuttgart: "Mit der Landesmesse entsteht ein entscheidender Wettbewerbsvorteil, der dem ohnehin starken Wirtschaftsstandort zu einem erneuten Schub verhelfen wird."

Vorausgegangen waren dem Baubeginn an der 806 Milliarden Euro teuren neuen Messe jahrelange Auseinandersetzungen mit Landwirten und Kommunen auf den Fildern, die sich gegen den Messestandort auf bestem Ackerboden auch gerichtlich zur Wehr gesetzt haben. Der Durchbruch bei diesen zähen und Kräfte zehrenden Auseinandersetzungen gelang der Landsiedlung Baden-Württemberg. Hans Köhler hatte die Verhandlungen mit den bis zuletzt kämpfenden sechs Landwirten zur Chefsache erklärt und im Mai dieses Jahres gegen großen Widerstand mit seinem Angebot eines Ersatzobjektes in Oberschwaben den gordischen Knoten durchschlagen. Einer der Landwirte hatte in den Tausch eingewilligt und damit auch die Bereitstellung von Ersatzland an die restlichen Landwirte, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, ermöglicht. Die Verhandlungen wurden hinter verschlossener Tür geführt und geheim gehalten, um zu vermeiden, dass auf den am Ende einwilligenden Landwirt Druck ausgeübt werde.

Die Grundstücksankäufe durch die Landsiedlung Baden-Württemberg ist die eine Sache, die politischen Schlussfolgerungen eine andere. Bei der Frage, was das "Heranrücken der neuen Landesmesse" für die Kommunen an der Entwicklungsachse entlang der Autobahn und künftigen Schnellbahntrasse bedeutet, haben sich manche Politiker längst Gedanken gemacht. "Die neue Messe hat unzweifelhaft Auswirkungen bis in unseren Raum", ist sich Köhler sicher.

Vor allem für gewerbliche Grundstücke und eventuell auch für manche Industriebrache könnten sich neue Entwicklungen ergeben beispielsweise mit messenahen Dienstleistern wie Messebauern, Messe-Designern und Logistikunternehmen oder auch Hotels. Manches Vorhandene könne davon profitieren, manche Lücke könne sich füllen. Hans Köhler versäumt nicht den Verweis auf die Landsiedlung, die sich hier gerne einbringe mit ihrem "großen Erfahrungshorizont".

Wenn Hans Köhler den Blick auf seine Heimatstadt Wendlingen richtet, beziehen seine Vorstellungen von der Ansiedlung messenaher Dienstleister das Wendlinger Otto-Areal genauso ein wie möglicherweise das auf der gegenüberliegenden Bahnschiene und künftigen S-Bahn-Trasse liegende Behrgelände. Der Kommune rät er, sich auf diese Entwicklung einzustellen und das bevorstehende "grüne S" nicht allein unter dem Gesichtspunkt der Kostenbeteiligung zu sehen. Die Kommunen müssten die gegebenen Chancen aktiv nutzen, Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung betreiben am besten gemeinsam im Verband mit den Nachbarn.

Wenn Köhler die Option auf den Neckartalbahnhof für wichtig hält, die Planer der Bahn davon aber heute nicht mehr reden, knüpft der einstige Bürgermeister zweifellos an einst selbst ausgearbeitete Pläne an. Keinen Zweifel lässt Köhler, dass der Filderbahnhof für die Wendlinger künftig der Hauptbahnhof werde. Seine Vision macht auch nicht halt vor einem S-Bahn-Betrieb von Kirchheim über Wendlingen hinauf auf die Filder und bis nach Herrenberg. Angesichts des täglichen Verkehrskollapses auf den Autobahnen A 8 und A 81 kann er sich nicht vorstellen, die zwei neu zu bauenden Gleise entlang der Autobahn künftig nur durch die Schnellbahn zu nutzen. Der Millionenaufwand müsse dazu genutzt werden, neue Räume zu erschließen und die Menschen für die Schiene zu interessieren. Angeboten werden müsse ein Nahverkehrskonzept auf der gleichen Schiene.

Einen kritischen Blick wirft der Politiker Hans Köhler auf das Investitionsland Deutschland. So lange Entscheidungen wie beispielsweise die S-Bahn-Verlängerung von Plochingen über Wendlingen nach Kirchheim so lange verzögert würden und damit zu enormen Kostensteigerungen führten, hätten ausländische Kapitalgeber kein Interesse an Investitionen. In Sachen S-Bahn habe er als Bürgermeister bereits 1983 den ersten Brief geschrieben. Heute, 21 Jahre später, sei das Vorhaben noch immer nicht realisiert.

Angesichts des Verkehrskollapses in der Region plädierte Hans Köhler für die Verlagerung auf die Schiene und brach eine Lanze auch für die Güterzuganbindung der Neckartalbahn an die Schnellbahntrasse. Jeder beklage die vielen Lkw auf der Straße. Einzige Alternative sei die Schiene. Die geplanten 40 Züge mehr müsse man hinnehmen, allerdings nicht ohne die Realisierung von Lärmschutzmaßnahmen für Wendlingen. Die Region müsse darauf achten, vom "Mainstream" nicht abgehängt zu werden. Das heiße, auch mal in Kauf zu nehmen, dass man von den Lasten berührt werde. Gut beraten seien die Kommunen, wenn sie künftig stärker interkommunal zusammenarbeiteten, wegkämen vom Denken in lokalen Grenzen. Die Kommunen sollten gemeinsam Projekte entwickeln und vermarkten. Beim Gruppenklärwerk sei dieses gemeinsame Vorgehen doch auch gelungen. Dabei dürften nicht allein die Zahlen das Handeln diktieren, "das schlägt alle kreativen Wege tot".