Lokale Kultur

Mit Birnen ist nicht gut Kirschen essen

FRICKENHAUSEN "Schön ist er geworden", sagte die Frau im Publikum zu dem Herrn neben ihr und meinte damit den neuen Theatersaal

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VOLKER HAUSSMANN

im alten Frickenhäuser Bahnhof. Mit dem Stück "Hochmut und Fallobst" hat die Theaterspinnerei nach etlichen Monaten Bauzeit endlich den lang ersehnten Spielbetrieb aufgenommen. Etwas mehr Zuschauer hätten es an diesem ersten Abend aber ruhig sein dürfen das äußerst kurzweilige Stück wie auch die exzellenten Schauspieler hätten es verdient. Offenbar muss sich die neue Adresse für niveauvolle Theater-Unterhaltung erst noch herumsprechen.

"Eine Geschichte aus der Obstkiste" verspricht der Untertitel des Stücks dem gespannten Zuschauer und das Bühnenbild beansprucht die Fantasie denn auch in keiner Weise: Es besteht aus einer überdimensionalen Obstkiste. In dieser verliert sich zunächst nur eine solitäre Birne. Ein Birnenweibchen ist's, elegant in eine grüne Schale gewandet und mit Schminkspiegel und Puder unerlässlich um ein makelloses Erscheinungsbild bemüht. Das ist sie sich schuldig, denn Luise so heißt sie ist eine "Gräfin von Paris", also Edelobst erster Güte und mit entsprechend hohen Ambitionen. Birnen ihrer Art, glaubt sie zu wissen, landen üblicherweise nur auf Desserttellern der besten Gesellschaft.

Im schaukelnden Gepäckwagen eines Zuges träumt sie, einem feinen Herrn vollendeten Obstgenuss garantierend, von einem glanzvollen Ende. Doch da holt sie ein in ihre Obstkiste geworfener Apfel jäh in die Realität zurück. Der entpuppt sich nämlich als ganz besonders rustikales Exemplar: Er raucht Stumpen, süffelt Schnaps, außerdem hat er etliche Druckstellen und oh, Gott! einen Wurm. Damit zählt er in Luises Augen zum Bodensatz der Obstgesellschaft, nicht mal würdig, zu Apfelmus verarbeitet zu werden. Das eitle Früchtchen spart denn auch nicht mit Beleidigungen und Schmähungen, die am Gemüts-Apfel Ernesto Raffael jedoch wirkungslos abprallen.

Jeder versucht den anderen von seiner einseitigen Sicht der Dinge zu überzeugen ohne Erfolg. Er argumentiert, sie diskriminiert. Erst ein kapitales Missgeschick bringt beide einander näher: Luise, berauscht vom angebotenen Schnaps, verletzt sich. Nun selbst mit einem Makel behaftet, sieht sie den bisher bespöttelten Apfel mit anderen Augen. Das ungleiche Duo wird, geeint durch seine Unvollkommenheit, zur Schicksalsgemeinschaft. Gemeinsam sinnt man darüber nach, wie man die bevorstehende Qualitätskontrolle überstehen kann, um trotz der Druckstellen einer tafelobstwürdigen Verwertung zugeführt zu werden. Ob das klappt?

"Hochmut und Fallobst" ist ein spritziges Zwei-Personen-Stück, das vom temperamentvollen Spiel Marilena Pinettis und Jens Nüßles getragen wird, die mit ihrem komödiantischen Talent glänzen. Das von Stephan Hänlein kreierte Apfel-Birne-Techtelmechtel unterhält mit feinem Humor und überraschenden Wendungen und lädt mit philosophischem Hintersinn der sich allerdings nie in den Vordergrund drängt auch zum Nachdenken ein.

INFOGespielt wird bis zum 7. August, auch Familienveranstaltungen werden angeboten; alle Termine unter www.theaterspinnerei.de, Kartentelefon (0 70 22) 2 43 56 00.