Kirchheim

Mit dem Navi durch Konflikte

Streit gehört zum Zusammenleben – Mediatoren helfen beim Überwinden

Konflikte gibt es überall. Zum Problem werden sie, wenn sie nicht offen angesprochen ­werden. Dann braucht es eine für alle akzeptable Lösung.

Der Kirchheimer Jürgen Briem ist professioneller Konfliktmanager beim Walldorfer SAP-Konzern.Foto: Cornelia Wahl
Der Kirchheimer Jürgen Briem ist professioneller Konfliktmanager beim Walldorfer SAP-Konzern.Foto: Cornelia Wahl

Kirchheim. Überall, wo mehrere Menschen zusammenkommen, entstehen immer mal wieder Konflikte, sei es in der Familie, in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, unter Nachbarn oder wie aktuell zwischen den Bürgern in Ötlingen und den Stadtoberen in Kirchheim, wo es um den Bau von Wohnraum für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen geht. Ein Wort zur falschen Zeit oder ein falsch interpretierter Blick – und aus der berühmten Mücke kann ein Elefant wachsen.

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Der Kirchheimer Jürgen Briem ist Leiter des Konfliktmanagements beim Softwareunternehmen SAP in Walldorf. Aus seiner Erfahrung he­raus weiß er, dass Konflikte durch Mangel an Achtung, Respekt, Offenheit, Toleranz und gegenseitiger Wertschätzung entstehen. In Unternehmen etwa spiele auch die herrschende Fehlerkultur eine Rolle: „Die Leute sind mehr damit beschäftigt, Fehlerspuren zu verwischen, als mit dem Thema selbst. So entstehen Schäden, die ansonsten vermeidbar wären“, so Jürgen Briem.

Briem weiß aber auch, dass ein Unternehmen ohne Konflikte ein totes Unternehmen ist. Allerdings kommt der Frage, wie Spannungen gelöst werden, eine wichtige Bedeutung zu. Dabei ist es egal, wo sie entstehen. „Wir sehen Konflikte immer negativ, dass sie eine persönliche Bereicherung sein können, wird oft nicht gesehen“, erzählt er. Seiner Meinung nach gehen Konflikten Missverständnisse, eine falsche Kommunikation, Selbstüberschätzung oder eine Fehlinterpretation voraus. Einen wesentlichen Beitrag zur Konfliktentstehung leiste auch die Veränderung des Wertesystems mit zunehmender Egozentrik. Der Kirchheimer rät deshalb, kooperativ zu denken und selbstreflektierend zu handeln.

„Alles was zwischen den Menschen passiert, basiert auf innerer Haltung, Respekt und Toleranz in der Kommunikation auf Augenhöhe. Kippt dieses Verhältnis, geht die Kommunikation schief. Und wenn ich nicht gleichberechtigt bin, ziehe ich mich zurück“, sagt der Konfliktmanager. „Kontroversen nehmen ihren Anfang meist zwischen zwei Personen. Die Auseinandersetzung wird mit anderen besprochen. Es kommt zur Lagerbildung und am Ende zur Eskalation“, skizziert er den Ablauf. Die Folgen eines Widerstreits, egal ob im Berufs- oder Privatleben, benennt der ausgewiesene Experte mit Verlust an Lebensqualität, an Energie, an Arbeitszeit und an Produktivität.

Deshalb sollte jedes Unternehmen ein Konfliktmanagement haben, unabhängig von seiner Größe. Doch damit allein ist es nicht getan. Die Leute sollten wissen, wohin sie sich wenden können, wenn sie Hilfe benötigen. „Meist kommen die Leute zu spät, weil Konflikte zutiefst persönlich sind“, sagt Briem. Bei SAP gibt es deshalb sogenannte Navigatoren. Sie sind die ersten Ansprechpartner bei Konflikten und speziell geschult. Sie informieren und hören einfach zu. „Allein 41 Prozent aller Anfragen waren bei dem Gespräch mit dem Navigator bereits gelöst“, erzählt Briem von den neuesten Ergebnissen einer Diplomarbeit unter 3 000 Befragten. Bei schwerwiegenderen Konflikten verweisen die Navigatoren die Ratsuchenden an eine geeignete Stelle in der Firma. „Unser Motto: Jeder Konflikt geht an die Stelle, wo er am besten gelöst werden kann“, erklärt er. Abgesehen davon, dass ein funktionierendes Konfliktmanagementsystem die Produktivität sowie die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigert und die Atmosphäre verbessert, wenn sich Konfliktgeplagte helfen lassen, so Briems Erfahrungen.

Besser noch ist es, sogenannte Prophylaxe-Maßnahmen zu treffen. „Die Leute wissen dann, wie in ihrem Umfeld Konflikte entstehen.“ In Schulungen und Workshops lernen sie, Konfliktsituationen zu erkennen und zu lösen. Das Ziel der Konfliktlösung ist es, alle Beteiligten am Konflikt in die Lösung mit einzubeziehen. So ist der Konflikt nachhaltig aus der Welt geschafft, weil alle Betroffenen sich in der Lösung wiederfinden.