Lokale Kultur

Mit geschlossenen Augen das Pulsieren der Musik erlebt

KIRCHHEIM Furioser Einstand! Sabine Bruns dirigiert erstmals das Orchester der Volkshochschule Kirchheim unter Teck. Vergangenen Sommer gab Joachim Stumber unter

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ERNST LEUZE

Riesenbeifall im Schlosshof Kirchheim sein Abschiedskonzert mit dem vhs-Orchester. Wer wollte es wagen, fragte man sich, die Nachfolge eines so erfolgreichen Orchesterdirigenten anzutreten. Entsprechend hoch waren die Erwartungen beim ersten Konzert mit der Nachfolgerin Sabine Bruns am Dirigentenpult. In Kirchheim ist sie seit langem als Barockcellistin bekannt. In Nürtingen kennt man sie auch als Cellistin in Hans-Peter Baders Kammersymphonie, einen Lehrauftrag für Violoncello hat sie an der Tübinger Hochschule für Kirchenmusik und in Echterdingen-Leinfelden schließlich ist sie nicht nur Leiterin der Celloklassen an der Musikschule, sondern auch seit vielen Jahren Dirigentin des Sinfonieorchesters "Vielharmoniker".

Das angekündigte Programm war schon sehr ehrgeizig. Drei romantische Brocken: "Nachklänge an Ossian" von Niels W. Gade, Edvard Griegs Klavierkonzert und die "Schottische Sinfonie" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Orchestermitglieder mögen sich wohl die Augen gerieben haben angesichts dieser Herausforderung, zum Scheitern genügend Chancen! Sabine Bruns setzte alles auf eine Karte und gewann haushoch.

Zu Beginn des Konzerts fragte man sich: Wie wird diese zierliche Frau wohl die romantischen Klangorgien solcher Musik entfesseln können? Dass sie, eine sensible und souveräne Cellistin, sowohl auf dem barocken Instrument als auch auf dem modernen Cello Unglaubliches leistet, wusste man zwar, aber ob sie einen Apparat von über 50 Spielern nicht nur zusammenhalten, sondern auch inspirieren würde können, daran konnte man schon zweifeln, als sie völlig unspektakulär den Taktstock hob. Sekunden später dann ein musikalischer Urknall. Der Einsatz, locker, sicher, bezwingend, aber nicht posierend, nein einfach aus der Musik geboren!

Seelenstürme der MusikUnd das Orchester folgte, nein mehr, es nahm den Impuls auf und machte die musikalische Vorstellung der Dirigentin zu seiner eigenen. Nach diesem Moment war klar: So eine Dirigentenpersönlichkeit kann nur gewinnen und zwar durch das alles Entscheidende die Musik. Als Zuhörer hätte man sich die Ohren zustopfen und trotzdem an den Gesten von Sabine Bruns die Seelenstürme der Musik miterleben können. Oder umgekehrt: Schloss man die Augen, so war erst recht das Pulsieren der Musik zu erleben, die fein ausbalancierten Übergänge, die überlegene Klangfarbenregie, disziplinierte Lautstärkebalance und superexakte Pizzikati.

Nun war es am Publikum, sich die wieder offenen Augen zu reiben. Da sitzt ja gar kein Profi-Sinfonieorchester. Die Dirigentin muss wohl zaubern können, dass Liebhaber an ihren Instrumenten so über sich hinauswachsen. Übertrieben? Nein, genau so war es fast zu schön, um wahr zu sein.

Ob sie sich beim nächsten Stück würde auf den Pianisten einstellen können? Skepsis war angebracht, denn aus Platzmangel hatte der Solist Paul Hatzopoulos keinen Augenkontakt zur Dirigentin und umgekehrt. Ihr buchstäblich in den Rücken zu fallen wäre ein Leichtes gewesen (einmal konnte er es auch nicht verhindern), schließlich hatte er dieses schwierige Konzert in sehr kurzer Zeit neu einstudiert. Das bedeutet eine enorme Gedächtnisleistung und äußerste Konzentration auf den Respekt erheischenden Solopart. Sabine Bruns ließ sich indes nicht beirren; mit traumhafter Sicherheit fing sie das Spiel des Pianisten auf und führte das Orchester sicher über alle Hürden. Wenn es doch hin und wieder klapperte bei gemeinsamen Zielakkorden war das mehr dem schon erwähnten mangelnden Sichtkontakt geschuldet, als ausgelebtem Eigensinn (vielleicht eher mangelnder Probezeit in der Stadthalle).

Paul Hatzopoulos spielte sehr engagiert, hörte auf das Orchester und lebte sichtlich mit der Musik, auch wenn er gerade Pause hatte. Entwarnung in zweiten Satz. Tempo und Ausdruck waren wieder genau getroffen, aber diesmal in glücksverlorener Übereinstimmung zwischen Klavier und Orchester.

Es sollte noch besser kommen: Im furiosen Schlusssatz war der Schulterschluss zwischen allen Beteiligten perfekt und die zahlreichen Zuhörer belohnten schon jetzt das Orchester, den Solisten und die Dirigentin mit begeisterten Bravos. Paul Hatzopoulos meinte, eine Zugabe schuldig zu sein. Leider geriet seine Ankündigung länger als der anschließende Ohrwurm (Jesus bleibet meine Freude). Den hervorragenden Werkeinführungen im Programmheft brauchte doch wirklich nichts hinzugefügt werden und Bach nach Grieg, ich weiß nicht. Das stürmische und schwärmerische Klavierkonzert hat den Platz in der Erinnerung weitaus mehr verdient.

Heikle VerästelungenNach der Pause blankes Entsetzen. Ist es wirklich dasselbe Orchester? Stimmung, Präzision, Atmosphäre alles weg?! Sabine Bruns ließ sich den Schneid nicht abkaufen. Sie hatte die Musik in Kopf und Herz, wusste sie auch schnell zurückzuholen in die Herzen und Finger des Orchesters (nur die Paukenfelle stellten sich taub), seiner Spieler, die mit verstimmten Instrumenten, erschöpft vom Kraftakt der ersten zwei Paradestücke, sich erst wieder hineinfinden mussten in die so heiklen Verästelungen des Mendelssohnschen Orchestersatzes. Aber spätestens nach den reinen Streicherpassagen hatte die Aufführung das seitherige Niveau wieder zurückgewonnen.

Im zweiten Satz wackelte es zwar bei den Pizzikati noch ein bisschen, aber der musikalische Fluss kam deshalb nicht mehr ins Stocken. In dieser Beziehung gab es aber im dritten der vier Teile noch mal eine Krise: Das Tempo zu gleichförmig und, ach, die ternären Rhythmen. Sie sind selbst für Profis immer eine Klippe. Dabei zu stolpern ist für Liebhaber nicht ehrenrührig.

Letzte Chance im letzten Satz. Sie wurde auch weidlich genutzt. Hervorragende Sololeistungen der Bläser, geniale Tempomodifikationen der Dirigentin, immer im entscheidenden Moment. Was macht es da aus, dass vor Begeisterung gelegentlich die Lautstärke außer Kontrolle geriet. Bei solcher Literatur darf man die Abhängigkeit von Proberaum und Konzertsaal mit ihrem unterschiedlichen akustischen Verhalten ja nicht unterschätzen.

Aber Spannung war da und musikalische Logik und mitreißender Schwung und ein jubelndes Publikum und ein Orchester, das seine Dirigentin mit stürmischem Beifall bedachte. Ja, kurzweilig wie selten war es, das lange Programm voll guter Musik. Was will man mehr? Oder besser gefragt: Was kann man tun, dass es mindestens so bleibt, oder noch deutlicher, dass Sabine Bruns bleiben wird? Eine solche Dirigentin gehörte ja vor ein Berufsorchester! So lange man sie in Kirchheim halten kann, wird es mit dem Volkshochschulorchester noch weiter aufwärts gehen. Nächste Projekte sind schon angekündigt. Ihr musikalisches Potenzial ist noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft.