Lokale Kultur

Mit traumwandlerischer Sicherheit

Stehende Ovationen beim Weihnachtsoratorium in der Kirchheimer Martinskirche

Kirchheim. Im Bereich seiner geistlichen Vokalmusik ist das Weihnachtsoratorium wohl das volkstümlichste Werk Johann Sebastian

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Florian Stegmaier

Bachs. Dass es sich in der Advents- und Weihnachtszeit zahlreicher Aufführungen und einer entsprechend breiten Rezeption erfreuen darf, mag nicht zuletzt an seiner musikalischen Bearbeitung der vertrauten Weihnachtshistorie und dem eingestreuten bekannten Liedgut liegen.

Mit einer solch turnusgemäßen Verankerung im Kulturleben ist auch stets die Gefahr einer Abnutzung, einer unbewussten Reduktion auf den äußerlichen Wohlklang verbunden. Um so verdienstvoller, dass es dem Gastspiel der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben und des Stuttgarter Kammerorchesters unter Leitung von Rainer Johannes Homburg in der Kirchheimer Martinskirche gelang, den künstlerischen und geistlichen Gehalt des Oratoriums in eine gegenwärtige Erfahrbarkeit zu stellen.

Die Aufführung aller sechs Teile bot den zahlreichen Hörern Gelegenheit, sich der zyklischen Anlage des Weihnachtsoratoriums bewusst zu werden. Die Teile I-III stellen tonartlich, formal und vom biblischen Erzählzusammenhang her ein in sich geschlossenen Bild dar, an das die Teile V und VI mit der Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland organisch anschließen. Eine Sonderstellung nimmt der vierte Teil durch seine Tonart F-Dur und die Besetzung mit Hörnern in den Rahmenchören ein, was durch den ungewöhnlich kurzen, nur einen Vers umfassenden Evangelistenbericht verstärkt wird.

Diese groß angelegten Zusammenhänge blieben jedoch abstrakt, würden sie nicht – wie bei der Kirchheimer Aufführung geschehen – von den Interpreten mit künstlerischer Substanz erfüllt werden, die einer stilbildenden Auseinandersetzung mit Fragen der historischen Aufführungspraxis, musikalischer Rhetorik und den verschiedenen Textebenen des Werkes geschuldet ist.

So ist die „Wiegenlied“-Arie „Schlafe, mein Liebster“ aus Teil II, die der Alt-Stimme als Sinnbild der Mutter Maria zugeordnet ist, eigentümlicherweise von dem Gegensatzpaar „schlafe“ und „wache“ geprägt, der auch musikalisch deutlich zum Ausdruck kommt. Ein bloßes Absingen der Arie würde den zu wahrenden intimen Charakter somit auseinanderfallen lassen. Mit großer Sensibilität und gestalterischem Geschmack verstand es Solistin Takako Onodera, den auskomponierten Kontrast mit subtiler Dramatik eine hörbare Plastizität zu verleihen, ohne dem Grundgestus des Stücks zuwiderzulaufen.

Mark Heines, dem als Evangelist traditionell der rezitativische Vortrag der biblischen Historie zufiel, überzeugte mit seinem schlanken, hohen Tenor, mit bestechender Textverständlichkeit und deklamatorischer Präzision. Qualitäten, von denen auch seine Arien-Interpretationen profitierten: Lange Melismen, die innere oder äußere Bewegung abbildeten, waren bei ihm trotz rascher Tempi stets Ton für Ton ausgesungen, standen klar und konturiert im Raum.

Klarheit und Kontur spiegelte sich auch im Vortrag von Sopranistin Veronika Winter. Die „Echo-Arie“ aus Teil IV – oftmals als barocke Spielerei missverstanden – erfasste sie wesenhaft als inneren ­Dialog der gläubigen Seele mit dem Trost und Bestätigung spendenden Chris­tuskind. Unprätentiös, dennoch mit würdiger Eleganz konnte sich so die Binnenspannung von banger Frage und erlösender Antwort entfalten.

Winter, Onodera und Heines glückte es auch, das Terzett „Ach, wann wird die Zeit erscheinen“ in Teil V von jeglicher nivellierenden Darbietung als bloßen Wettstreits dreier Stimmen fernzuhalten. Stattdessen schälten sie den Dialog zwischen den sehnsuchtsvoll suchenden Weisen aus dem Morgenland und der Mutter Maria eindrücklich heraus, indem sie der von Bach kunstvoll-feingliedrig gewobenen musikalischen Rhetorik Atem verliehen.

Einen nicht minder kultivierten, tendenziell aber offensiveren Ansatz pflegte Stefan Adam, dessen traditionsgemäß irdisch gegründeten Bass­partien eine gewisse Robustheit gut vertragen konnten. Prächtig-triumphal sein Vortrag der Arie „Großer Herr, o starker König“, eher introspektiv angelegt schien „Erleucht auch meine finstre Sinnen“ aus Teil V.

Bei allem erwiesen sich die Musiker des Kammerorchesters im Verbund mit dem Trompetenensemble Wolfgang Bauer als exzellente Begleiter und tragende Säulen des oratorischen Geschehens. Sowohl seines nuancenreichen Klangbildes, als auch seiner solistischen Klasse wegen, wurde der Klangkörper seinem Ruf, eines der renommiertesten Ensembles seiner Art auf internationalem Feld zu sein, vollauf gerecht.

In puncto Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit wurde das Orchester bestenfalls von den Stuttgarter Hymnus-Chorknaben übertroffen: Disziplinierte Stimmgewalt in den Tutti- und Turba-Sätzen, schlichte Demut in den Chorälen und traumwandlerische Sicherheit noch im dichtesten polyphonen Geflecht.

Eine solche künstlerische Präsenz vermag auch die ursprüngliche, vom Komponisten dem Chor zugedachte Aufgabe wieder vor Augen führen, die er bereits in Bachs Passionen, aber auch im Zuge einer allgemeinen Entwicklung des Oratoriums in jener Zeit erlangt hatte. So unterbricht zu Beginn des zweiten Teils der Choral „Brich an, o schönes Morgenlicht“ mit markantem Kontrast den Bericht des Evangelisten. In der Interpretation der Hymnus-Chorknaben wurde deutlich, worum es geht, nämlich an zentralen Stellen die gegenwärtige Aktualität biblischer Geschehnisse unmittelbar bewusst zu machen. Die Choräle teilten sich den Hörern als Zonen des Innehaltens, der Reflexion und Meditation mit, die gleichberechtigt, jedoch außerhalb des dramatischen Verlauf des Oratoriums stehen.

Zwischen solch klanglichen Innenraumerfahrungen und Momenten vokaler Prachtentfaltung bewegten sich die Hymnusianer mit berückender Souveränität. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und stehenden Ovationen.