Kirchheim

Mörike ist nie aus der Mode gekommen

Vortrag Ulrich Kittstein stellt im Max-Eyth-Haus sein Buch über Mörike vor und zeigt neue Sichtweisen auf den Dichter.

Ausstellungs-Eröffnung zur Museumserweiterung in Ochsenwang, Mörike-Museum, Einweihung des Maler-Nolten-Raumes, Gedenkstätte,
Archivbild

Kirchheim. Seit 23 Jahren, so berichtet Ulrich Kittstein, Professor für Deutsche Literatur an der Uni Mannheim, beschäftige er sich mit Mörike, ohne dass es ihm langweilig geworden sei. Das Ergebnis liegt seit 2015 vor: ein Werk über Mörike, 592 Seiten stark. An Mörike muss etwas dran sein. Erst recht in Kirchheim, dessen Literaturmuseum sein Andenken pflegt.

Der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim hatte also allen Grund, den Mörike-Spezialisten ins Max-Eyth-Haus einzuladen. Kittstein erklärte zu Beginn die Form und die Intension seines Buches: Er wollte weder eine Biografie noch eine reine Werkbiografie schreiben - er wählt einen Mittelweg.

Im Vortrag Kittsteins ging es um die Herausarbeitung von Mörikes Poetologie, aber auch darum, Vorurteile über Mörike zu widerlegen.

Die Poetologie ist schon im frühen Gedicht „Verborgenheit“ abzulesen, das in der Ochsenwanger Zeit entstand. Es beginnt mit dem Ausruf „Laß, o Welt, o laß mich sein“, also einer Weltverneinung. In der zweiten Strophe verfällt das lyrische Ich in Melancholie, in der dritten geschieht ein innerer Aufschwung bis zur „hellen Freude“.

Also: Der Dichter muss die äußere Welt abschotten, er braucht Muse. Im Zustand ohne Zwang stellt sich die Inspiration ein, eine Ahnung von Schönheit, Harmonie und Schwerelosigkeit. Kunst bedeutet Freiheit von Zwang, ist Spiel.

Jenseits der Idylle

Kittstein hat seinem Buch den Untertitel „Jenseits der Idylle“ gegeben. Damit hat er angekündigt, dass er Vorurteile gegenüber Mörike widerlegen will. Geläufig ist die Meinung, Mörike sei naiv und schlicht. Der Mörike-Forscher verweist darauf, dass Mörike hochgebildet war, ein poeta doctus. Das befähigt ihn, in den verschiedensten „Tönen“ zu dichten, von den antiken Stilformen bis zum zeitgenössischen „Volkston“, den er bewusst wählt und pflegt wie im „Verlassenen Mädchen“. Weiterhin: Heine, mit dem Mörike eine innige Abneigung verband, spottete, Mörike bedichte vor allem Nachtigallen. Kittstein verwies auf Mörikes Beschäftigung mit dem Thema Tod und auf das unergründliche Walten des Unbewussten im „Maler Nolten“.

Das Fazit des Referenten: Er ist weder Rebell noch Avantgardist. Er war politisch, liberal. In der heutigen Zeit wirkt er widerständig, indem er einem lauten, von wirtschaftlicher Nützlichkeit und Schnelllebigkeit gekennzeichneten Leben eine Welt der Muse, Freiheit, Poesie und Menschlichkeit entgegensetzt. Das Fazit über den Vortrag: Der Referent hat dazu motiviert, Texte dieses Dichters neu, einmal wieder oder immer noch zu lesen.Ulrich Staehle

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