Lokale Kultur

Monströse Kämpfe gegen die Bestien mangelnder Kommunikation

KIRCHHEIM Gleich mehrfach hat Stefanie Kerker die alte Sage vom irrfahrenden Odysseus entstaubt und auf den Kopf gestellt: Erstens

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ANDREAS VOLZ

spielt die Geschichte in einer Form der Gegenwart weil Telefon, Auto und Grillpartys mit Gurkensalat wichtig sind , zweitens gibt es neues Personal wie Antilope und Kosta, drittens drängen sich von Anfang an ein "Fräulein X" und ihr blauäugiger Zufallstreffer in die Handlung hinein und viertens schließlich geht es den ganzen Chansonabend hindurch so gut wie niemals um Odysseus. Vielmehr steht seine treue Gattin Penelope als frustrierte und gelangweilte Alleinunterhalterin im Mittelpunkt. Während ihrer Strohwitwenschaft muss sie sich bekanntermaßen ziemlich lange allein unterhalten nämlich ganze 20 Jahre.

Irrfahrten erlebt Penelope zu Hause auch, und sie sind nicht weniger abenteuerlich. Mit Monstern hat sie genauso zu kämpfen wie ihr Mann, der immer nur unterwegs ist. Penelopes Bestien sind zwar weder einäugige Zyklopen noch heißen sie Skylla und Charybdis. Aber sie sind genauso gefährlich und drohen beständig, Penelope in ihren Strudel hinabzuziehen, ob sie nun auf den Namen "Neid", "Eifersucht" oder "Schuld" hören. Und natürlich geht es die ganze Zeit vor allem um das monströseste aller Monster die Liebe. Sie sorgt nicht nur dafür, dass die Welt sich dreht. Sie gibt auch dem Chanson-Theaterstück, das Stefanie Kerker in Begleitung ihres Pianisten Ralf Schuon im Kirchheimer Spitalkeller aufführte, seinen Titel: "Liebe und andere Monster".

Stefanie Kerker, die ihre wortspielreichen Texte in bester Georg-Kreisler-Manier selbst schreibt, besingt die Liebe in allen möglichen Variationen: Da versinkt das Fräulein X beim Bäcker in zwei Seen, zwei "krass blauen Augen, von der Sorte kristallklar". Kurz darauf sitzt sie mit dem Blauäugigen auf einer Wiese im Stadtpark, und beide wissen genau, dass sie den Mann beziehungsweise die Frau ihrer Träume gefunden haben und dass sie fortan "chronisch glücklich" sein werden. Wie das eben so ist, "wenn man den Traumpartner erst gefunden hat".

Recht schnell zeigt die Fassade des "chronischen Glücks" allerdings Risse. Gesprochen wird nur noch Belangloses. Es geht um Alltagsprobleme, und auch da redet das Paar welches auch immer ganz furchtbar aneinander vorbei. So telefoniert Penelope Odysseus hinterher und setzt erst einmal zu Liebesgeflüster an, bevor sie sich im letzten Moment auf die Lippen beißt: "Ich wollte wissen, ob du gut angekommen bist, ich habe dich schrecklich ver . . . gessen zu fragen wegen dem Wagen." Letztlich fragt sie dann eben nur noch, ob sie Benzin oder Diesel tanken muss.

Die nur mäßig glücklich scheinende Verkettung zwischen Penelope und Odysseus ist allerdings trotz der langen Trennung unlösbar: Froh, endlich Freiräume zu haben, gestaltet Penelope Haus und Garten um. Dann schafft sie auch noch seine Drafi-Deutscher-Sammlung auf den Dachboden, will nur noch Klassik hören. Aber Ralf Schuons kongeniale Klavierbegleitung bringt das Unterbewusste an den Tag: Bach, Mozart, Beethoven obwohl ihr jeweiliger Stil perfekt imitiert ist lassen jedes Mal nur "Marmor, Stein und Eisen bricht" von sich hören.

Schwierigkeiten gibt es allerdings auch ohne Männer genug: In Gesprächen von Frau zu Frau fühlt sich Penelope missverstanden, als Freundin von der Freundin verraten. Sie selbst bietet sofort selbstlos Hilfe an, als sie von Antilope erfährt, dass Kosta am Morgen nach der Welcome-Party mit Anke im Gartenhaus . . . Doch auch in diesem Fall ist die Kommunikation gescheitert, denn die beiden putzen dort lediglich gemeinsam den Grill, und Penelope ist zum Reste-Essen eingeladen.

Die meisten Wünsche ans Leben und an die Liebe bleiben offen. "Mach' das Licht aus und lass' sie im Dunkeln", fordert das abschließende Chanson zurecht. Denn was machen Fräulein X und ihr Blauäugiger in der Zugabe? Sie sitzen auf dem Sofa und essen Quarktaschen. Da bleibt Vieles unerfüllt, und auch eine gemeinsame Reise nach Venedig muss nicht unbedingt dazu beitragen, das "chronische Glück" zu retten.

Liebe also als Abgrund, auf den alle zurennen wie die Lemminge? Fast hat es den Anschein, doch Stefanie Kerker, die sowohl mit ihrer Sprech- als auch mit ihrer Gesangsstimme alle Facetten des Themenabends und alle Stimmungslagen der Liebe in Szene setzen kann, zieht mit ihrer zweiten Zugabe die Notbremse und beschwört die Absurdität und den Absolutheitsanspruch der Liebe. "Wenn ich dich sehe, dann bleiben alle Uhren stehn" ein Phänomen, das die Welt in Unordnung stürzt. Auf den Vorwurf "Du hast sie nicht mehr alle" reagiert die Verliebte angemessen: "Ich will nicht alle, ich will nur den." Und wieder nimmt ein "chronisches Glück" seinen Lauf.