Lokale Kultur

"Mord, Plünderung und barbarische Gewalttaten"

KIRCHHEIM Der 30-Jährige Krieg kommt nach Kirchheim: Was einst bittere Realität war und auf Jahrzehnte hinaus die entsetzlichsten Folgen zeitigte, ist heute in der

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ANDREAS VOLZ

Nachbetrachtung ein bemerkenswertes Lehrstück über den zeitlosen Schrecken des Krieges. Die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB) und die Volkshochschule Kirchheim haben sich dieses Themas angenommen, auch wenn im Jahr 2005 kein direkter Gedenktag damit verbunden ist. Aber 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bietet es sich dennoch an, die universellen Aspekte militärischer Machtkämpfe und ihre Auswirkungen auf Kriegsgewinnler wie auf das einfache Volk aufzuzeigen.

Die WLB verknüpft in der laufenden Spielzeit die Haupt- und Staatsaktionen des Schiller-Klassikers "Wallenstein" mit der Perspektive von unten, wie sie der moderne Klassiker Bertolt Brecht in seiner "Mutter Courage" mitten im Zweiten Weltkrieg auf die Bühne brachte. Beide Neuinszenierungen der WLB sind auch in der Kirchheimer Stadthalle zu sehen: "Wallenstein" am Dienstag, 27. September, und die Geschichte der "Landstörtzerin Courasche" genau vier Wochen später, am 25. Oktober.

Beide Figuren, Schillers Feldherr und Brechts Marketenderin, erleiden ähnliche Schicksale, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen: Sie versuchen vom Krieg zu profitieren, was ihnen eine Zeit lang erstaunlich gut gelingt. Am Schluss zahlen sie aber einen hohen Preis Wallenstein verliert sein Leben, die Courage ihre drei Kinder. Beide Dramen führen anhand exemplarischer Einzelschicksale vor Augen, wie 30 Jahre lang und noch mehr als doppelt so lang über das Kriegsende hinaus in allen Teilen Deutschlands Tod und Zerstörung herrschten.

Im Vorfeld der beiden Theateraufführungen hat Gerhard Fink, derzeit noch in Personalunion Leiter des Kulturrings und kommissarischer Leiter der Volkshochschule, im Rahmen der "plus / minus 55"-Reihe seinem Publikum die historischen Hintergründe des Kriegs näher gebracht sowohl die globalen Zusammenhänge im Deutschen Reich und in Europa als auch die lokalen Ereignisse in Württemberg und speziell in Kirchheim und Umgebung. Schwerpunkte legte er dabei unter anderem auf den Konflikt zwischen Kaiser Ferdinand II. und seinem übermächtigen Heerführer Wallenstein, auf die verpassten Chancen eines früheren Friedensschlusses und einer dauerhaften Neutralität einzelner Länder sowie auf die nicht vorhandene religiöse Dimension des 30-Jährigen Kriegs.

Dass sich Katholiken und Protestanten Anfang des 17. Jahrhunderts gegenseitig die Köpfe einschlugen, stimmt durchaus, aber Anhänger bei-der Konfessionen standen hüben wie drüben im Sold. "Die Gefangenschaft war für die Soldaten nicht so schlimm", führte Gerhard Fink im Spitalkeller aus, "wer gefangen wurde, wechselte einfach das Lager. Das war ohne weiteres möglich." Abgesehen davon hätten sich die Söldner im Feld um religiöse Dinge kaum gekümmert. Es gebe Beispiele dafür, dass sich kaiserliche Truppen erfolgreich gegen eine katholische Messe in ihrem Lager gewehrt haben.

Auch die Oberen nahmen es mit ihrer Glaubenszugehörigkeit oft nicht allzu genau: So sei Mansfeld ein überzeugter Katholik gewesen, habe aber bis zum Schluss für die protestantische Seite gekämpft. Und nachdem kaiserliche Truppen Mantua erobert und ausgeplündert hatten, wandte sich Papst Urban VIII. vom Kaiser ab, sodass Ferdinand II. fortan ohne päpstliche Unterstützung für die katholische Sache focht. Ein weiteres Beispiel ist der Dänenkönig Christian IV., der sich in der ersten Kriegshälfte etliche Gefechte mit Tillys katholischen Ligatruppen lieferte, um ab 1644 noch einmal in das Kriegsgeschehen einzugreifen diesmal auf der anderen Seite, für den neuen Kaiser Ferdinand III. und gegen die Schweden.

Wie bei Christian IV. kam es auch sonst immer wieder zu Kriegseintritten vormals neutraler Mächte. Unter anderem dadurch zog sich der Krieg so sehr in die Länge. Am bedeutendsten war sicherlich die Landung der Schweden unter König Gustav II. Adolf bei Peenemünde im Frühsommer 1630. Auch deutsche protestantische Fürsten, die sich nahezu zwölf Jahre lang erfolgreich hatten heraushalten können, gaben zu dieser Zeit ihre Neutralität auf, provoziert vom kaiserlichen Restitutionsedikt, mit dem Ferdinand II. gegen den Rat Wallensteins und Maximilians von Bayern die Ergebnisse des Augsburger Religionsfriedens von 1555 rückgängig machen und die protestantischen Gebiete zur Herausgabe des konfiszierten Kircheneigentums zwingen wollte.

Wallenstein und der Kaiser profitierten zwar gegenseitig voneinander, aber eine großartige Freundschaft herrschte nicht gerade zwischen dem Friedländer und dem Habsburger. Die wichtigsten Parallelen zwischen dem historischen Wallenstein und der Schillerschen Dramenhandlung schilderte Gerhard Fink im Spitalkeller: In der Schlacht bei Lützen im November 1632 hatte Wallenstein zwar keinen militärischen, wohl aber einen politischen Erfolg errungen. "Durch den Tod Gustav Adolfs war die protestantische Seite plötzlich ihrer Identifikationsfigur, ihrer politischen und militärischen Größe beraubt. Nun beginnt das Rätsel um Wallenstein." Über den Kopf des Kaisers hinweg habe der Friedländer Friedensverhandlungen mit den Schweden geführt. Gerhard Fink: "Er war sogar dazu berechtigt. Später hieß es dann, er war ein Verräter."

1634, im selben Jahr, in dem Wallenstein in Eger ermordet worden war, hat Württemberg seine Neutralität aufgegeben und "erstmals an einer Schlacht im großen Stil teilgenommen". Es war die Schlacht bei Nördlingen, zu der das Herzogtum "eine miserabel ausgerüstete Truppe" zur Unterstützung der Schweden schickte. Tausende von Soldaten seien Kanonenfutter geworden, sagte Gerhard Fink. "Das war fatal, aber nur der Anfang einer katastrophalen Entwicklung." Nach der verlorenen Schlacht kommen schwedische Truppen nach Württemberg, auch nach Kirchheim: "Die nehmen, was sie nehmen können. Danach kommt der Gegner die Kaiserlichen sind Sieger im Feindesland. Es sind grauenvolle Tage. Die stülpen das Land um, wie man es sich nur vorstellen kann."

Auf die lokalen Ereignisse eingehend, kam Gerhard Fink auf die Geschichte der kleinen Leute zu sprechen. Im Unterschied zu Mutter Courage, die im Tross beständig den Soldaten und damit dem Krieg hinterherzieht, traf es in diesem Fall die Zivilbevölkerung, die am Kriegsgeschehen nicht unmittelbar beteiligt war. Fink zitierte aus Teckboten-Artikeln, die Karl Mayer genau 300 Jahre nach den historischen Ereignissen verfasst hatte: "Mit der Niederlage bei Nördlingen begann die Auflösung aller Ordnung nicht nur im militärischen, auch im bürgerlichen Leben. Zuchtlose Regimenter quälten das Volk. Nichts schützte mehr vor Mord, Plünderung und barbarischen Gewalttaten."

Unter den Beispielen, die Karl Mayer anführt, seien nur die Folgenden erwähnt: "Der Lehrer und Gerichtsschreiber Leonhard Oelmayer in Unterlenningen wurde, so meldet das Kirchenbuch dieses Dorfes, von den Soldaten ,übel traktiert' und dann erschossen. Einen anderen Bürger von Unterlenningen, Andreas Schott, haben sie ,elendiglich und erbärmlich zerhauen und gemartert', wieder einen andern, Jakob Bäcker, auf den Schlagerwiesen erschlagen." Dieses Schicksal teilen die literarhistorisch gänzlich unbekannten drei Lenninger nicht nur mit Wallenstein und den drei Kindern der Mutter Courage, sondern bis heute mit den unzähligen zivilen Opfern militärischer Machtkämpfe ob diese gewalttätigen Auseinandersetzungen nun religiös verbrämt sind oder nicht.

INFODie Aufführungen des "Wallenstein" am Dienstag, 27. September, sowie der "Mutter Courage" am Dienstag, 25. Oktober, in der Kirchheimer Stadthalle beginnen jeweils um 19.30 Uhr. Zuvor bietet die WLB um 18 Uhr im Kleinen Saal der Stadthalle am beiden Abenden eine Vorbesprechung zu den Stücken unter dramaturgischem Gesichtspunkt an.