Lokale Kultur

Motetten mit tiefer religiöser Intensität

OWEN Die Voraussetzungen für ein gelungenes Konzert sind vielfältig und reichen teilweise weit in die Vergangenheit zurück: Um 1400 wurde

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GABRIELE ROLFS

die gotische Marienkirche in Owen gebaut, die einen geeigneten Rahmen für die Motetten Bruckners und vor allem natürlich für die Marienmotetten bietet.

Im Jahr 1824 wurde in Ansfelden ein Junge geboren, der als Chorknabe ins Stift von Sankt Florian kam und dort in tiefer Religiosität geprägt wurde, Anton Bruckner. Im Jahr 2007 führt Ernst Leuze mit den Stuttgarter Choristen die Motetten Anton Bruckners in der Marienkirche auf und lässt sich dabei auf die musikalische und religiöse Intensität Bruckners ein.

Wer Zeit hatte, vor Konzertbeginn Ernst Leuzes Vorwort im Programmheft zu lesen, ahnte schon, dass Bruckners Motetten hier nicht einfach konzertant gesungen, sondern auch inhaltlich interpretiert werden würden. Für diejenigen, die des Lateinischen nicht fließend mächtig sind, lohnte sich während des Konzertes immer mal wieder ein Blick in die Übersetzung im Programmheft, denn der Musik Anton Bruckners stand eine textintensive Interpretation durch die Stuttgarter Choristen gegenüber.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem Hymnus "Pange lingua". Dabei beeindruckte bei den Stuttgarter Choristen von Anfang an neben der sicheren Stimmführung die gut ausgearbeitete Dynamik. Während das erste Stück a cappella gesungen wurde, begleiteten drei Posaunen (Christof Schmidt, Klaus Bäuerle, Fritz Resech) den Chor beim "Afferentur Regi". Klangmächtig und bewegt wurde das kurze Stück präsentiert.

Die Motette "Vexilla Regis" ist anspruchsvoll, doch ein Chor von der Qualität der Stuttgarter Choristen meistert dies problemlos: Die kühnen Harmonien wurden mit klarem Klang und großer Souveränität vorgetragen und die inhaltliche Spannung des Textes vom Chor musikalisch deutlich herausgearbeitet. Das "Aequale", verbreitete nach der Spannung des letzten Stückes durch seine choralmäßige Struktur wieder Ruhe.

Schon im Programmheft wurde auf den Zusammenhang der dann folgenden vier Motetten verwiesen, die durch die inhaltliche Klammer des theologischen "Hier und Dort" zusammengehalten werden. Für diese Werke war die Marienkirche genau der richtige Rahmen, die Neutralität eines Konzertsaales hätte deutlich weniger dazu gepasst.

Die Motetten Bruckners sind detailliert gearbeitet und wurden vom Chor mit großer Intensität musiziert. Ein paar Stellen sollen hier exemplarisch erläutert werden: Im "Locus iste" schien das Unergründliche (inaestimabile) weit aus der Tiefe zu kommen, während die Makellosigkeit (irreprehensibilis) fein und durchsichtig dargestellt wurde. Im "Os justi" erfüllte der Chor durch seine Achtstimmigkeit fließend wie der Geist Gottes den Raum, bis bei "ihre Schritte werden nicht straucheln" (non supplantabuntur) die vorsichtig tragende und schützende Hand Gottes zum Vorschein zu kommen schien.

Bei "Inveni David" waren Widerworte Davids unvorstellbar: Der vierstimmige Männerchor, drei Posaunen, Kontrabass (Joachim Stumber) und Orgel (Armin Schidel) vertonten den mächtigen alttestamentlichen Gott, der selbst aktiv geworden ist und seinen Knecht gefunden hat. Nach dem Männerchor überwiegten im "Libera me" aus Bruckners Requiem die Frauenstimmen. Strahlende Soprane übertönten den Schreckenstag des Todes, der Klang des "Befreie mich, Herr" (Libera me, Domine) kam hoffnungsvoll, klar und leuchtend von oben.

Wer das Programmheft genau las, konnte auch so weit dies nicht sowieso schon musikalisch deutlich geworden war erkennen, dass der Leiter der Stuttgarter Choristen, Ernst Leuze, sich bei diesem Konzert nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich intensiv mit den Motetten auseinandergesetzt hatte. Seine persönliche Stellungnahme zu Bruckners "Libera me" "Daran halten wir uns" zeigt seine persönliche Beziehung zu den Texten.

Einmal im Konzert kam die Orgel allein "zu Wort". Durch die Registrierung bei "Präludium und Fuge d-Moll" wirkte die Komposition "wortgewaltig" und fast genauso klar in der Aussage wie die Motetten. Es folgten noch drei Marienmotetten, passend zur "Marienkirche" in Owen. Ein besonderer Genuss war dabei das siebenstimmige "Ave Maria". Nicht jeder Chor kann sich an dieses anspruchsvolle Werk wagen, doch den Stuttgarter Choristen gelang eine sichere und beeindruckende Interpretation.

Maria als Sinnbild für die von Gott erlösten Menschen wird bei Anton Bruckner dargestellt durch Innigkeit, aber auch durch eine dynamische Öffnung nach oben, die für die Erlösung steht. An den Schluss des Konzertes hatte Ernst Leuze die Motette "Ecce sacerdos" gesetzt, eine glanzvolle Huldigung an den dreieinigen Gott, dessen Kraft und Macht musikalisch durch den siebenstimmigen Chor, drei Posaunen und Orgel dargestellt wurde.