Lokale Kultur

Mozarts Adagio mit kühnen Stimmführungen

LENNINGEN Am 27. Januar 2006 jährt sich der 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart. Dieses Jubiläumsjahr eröffnete im Lennin-

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ERIKA HILLEGARD

ger Tal das Stuttgarter "Quartetto Concertino" mit einem der zehn berühmten Streichquartette Mozarts, dem "Dissonanzenquartett", und der Motette "Ave verum".

Im 30. Jahr der Unterlenninger Konzert-Reihe lösen nun die Stuttgarter Musiker das Durlacher Residenzkollegium ab. Die Tradition der konzertierenden Familie Löffler führt der Sohn Gerhardt Löffler mit einem verjüngten Ensemble fort. "Die Musica ist eine froh machende und nachhaltige Kunst", sagt Helmut Köble bei seiner Begrüßung und hofft, dass die Herbstkonzerte mit dieser Premiere kontinuierlich neue Impulse bekommen.

An diesem Abend musizieren Adelheid Kolberg und Elisabeth Weber-Schepky mit ihren Violinen; Gerhardt Löffler mit seiner Viola und Ulrike Ströbele am Violoncello. Adagio langsam beginnt Mozarts C-Dur Streichquartett KV 465. Die Streicher lassen aus der Stille den spannungsvollen Klangprozess mit den kühnen Stimmführungen wachsen, der dem Werk seinen Namen gab.

Die vier Musiker lenken nach der langsamen Introduktion zum Allegro und führen zum gesanglichen Andante mit seinem Melodienfluss. Dann inszenieren sie im Menuett mit seinen Taktverschiebungen das Scherzo-Spiel und fordern beim Molto-Allegro-Satz zu neuen Entdeckungen heraus.

Da gibt es schön aufblühende Klangbogen in der ersten Geige, mit Feinheiten rhythmischer und harmonischer Art. Insgesamt führt Gerhardt Löffler vom Bratschistenpult aus das Quartett durch die variablen vier Sätze in gutem Sinne solide, ansprechend, und differenziert. Jeder der vier Instrumentalisten hat Solistisches beizutragen. Auch das Cello ist nicht nur basso continuo, für die Begleitung zuständig, sondern setzt rhythmische Impulse.

Zur Geschichte dieses Werkes erzählt Gerhardt Löffler Bemerkenswertes. Es ist das letzte der so genannten Haydn-Quartette. Der Vater Leopold Mozart schrieb, Wolfgang habe "seine sechs quartetten, die er dem Artaria (Verleger) für 100 duccatten verkauft, seinen lieben Freund Haydn hören lassen".

Der ältere Haydn äußerte sich zu den vermeintlichen Dissonanzen, Mozart werde schon seine Gründe für die Kompositionsweise gehabt haben. Mozart bekannte in seiner Widmung für Haydn, dass das Quartettschreiben eine langwierige und beschwerliche Arbeit sei.

An Fürstenhöfen freilich war man an solche Kompositionen noch nicht gewöhnt. "Sie spielen nicht recht!", soll ein ungarischer Fürst gerufen und die Noten zerrissen haben. In über 200 Jahren jedoch ändern sich die Hörgewohnheiten. Die großen Mozart-Festivals im kommenden Jahr setzen just dieses Dissonanzen-Quartett auf ihre Eröffnungsprogramme, zeigt es doch beispielhaft die kompositorische Entwicklung Mozarts auf.

Das "Ave verum corpus" KV 618 schrieb Mozart in seinem Todesjahr 1791 für die Fronleichnamsprozession in Baden bei Wien, dem Erholungsort der Familie Mozart. Josefine Hirte singt nun in der Unterlenninger Ulrichskirche diese Motette, die ursprünglich für vier Stimmen, Streichquartett und Orgel komponiert war.

Die junge Stuttgarter Sopranistin gestaltet eindringlich dieses bekannte Werk mit erhebender Kraft, lässt Spannung und Entspannung zu, schön begleitet vom Streicherensemble. Später im zweiten Teil des kammermusikalischen Abends singt sie drei Schubertlieder "Im Frühling", "Der Fischer" und " An Silvia".

Sie trifft die lyrische Gefühlslage, lässt Text und Ton zusammenschmelzen, die Zeit still stehen. Sie interpretiert einfühlsam die Frage eines Schubertfreunds: "Sag an, wer lehrt dich Lieder so schmeichelnd und so zart . . . Du singst und Sonnen leuchten, und Frühling ist uns nah."

Gerhardt Löffler führt in den zweiten Teil des Programms ein. Er zeichnet die Umrisse des kurzen Lebens von Franz Schubert und skizziert damit auch seine Musik zwischen Melancholie und Seligkeit.

Von Schuberts Streichquartett opus 29 in a-Moll "Rosamunde", spielt das Stuttgarter Quartett die ersten drei Sätze. Das Ensemble beginnt weich mit der wiegenden Viertel- und zwei Achtel - Bewegung, holt die Kantilenen immer wieder aus der Unruhe der Begleitfiguren heraus, hellt mit dem zweiten Motiv das melancholische Kopfthema auf.

Die Geigerinnen haben die Pulte getauscht, die vier Streicher zeichnen in den typischen Schubertschen Klangfarben das Schwanken zwischen den Tonarten. Im gar nicht leichtfüßig tänzerischen Menuett schöpfen die Geigerinnen aus der Fülle kompositorischer Einfälle, der Bratschist legt mit sattem Ton dazu den Grund, die Cellistin weiß markante Akzente zu setzen.

Insgesamt wagen sie die "Flucht in den Traum" ein langer Weg dorthin. Die Zuhörer genießen in der barocken Saalkirche diese sensible Musik, in der immer wieder Liedhaftes aufblüht.

Sie begleiten diese musikalische Wanderung zwischen zwei Welten mit ihrer Aufmerksamkeit und würdigen das anspruchsvolle Kammerkonzert des Quartetto Concertino Stuttgart und die Sopranistin Josefine Hirte mit herzlichem Beifall.