Lokale Kultur

"Museum, in dem die Zeit stehen geblieben ist"

KIRCHHEIM Einblicke in die "stille Welt der Orthodoxie" der Mönchsrepublik Athos gab Dr. Vilem Marvan in einem Vortrag im Spitalkeller der Kirchheimer Volkshochschule. Der Referent hatte Anfang

Anzeige

FLORIAN STEGMAIER

der neunziger Jahre die Gelegenheit, ein komplettes Jahr auf Athos zu verbringen und am klösterlichen Leben teilzuhaben. Der heilige Berg Athos ist eine orthodoxe, in ihrer Form einmalige Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität, die sich auf dem gleichnamigen östlichen Finger der Halbinsel Chalkidiki in der Region Makedonien befindet. Das gut 340 Quadratkilometer umfassende Territorium zählt derzeit rund 2000 mönchische Einwohner, zuzüglich einer saisonal wechselnden Zahl von zivilen Arbeitern. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff "Berg Athos" sowohl die ganze Halbinsel Athos mit dem Mönchsstaat als auch nur den eigentlichen Berg an der Südost-Spitze, der mit seinen 2033 Metern Höhe zugleich den höchsten, im Winterhalbjahr schneebedeckten Punkt der Ägäis bildet. Für die dortige Topografie sei, so machte Marvan mit Bildbeispielen deutlich, das terrassenförmige Ansteigen der bewaldeten Landschaft zum heiligen Berg hin charakteristisch. Die 20 Großklöster auf Athos allesamt Teile des UNESCO Welterbes gliedern sich in 17 griechisch-orthodoxe sowie je ein russisches, bulgarisches und serbisches Kloster. Das älteste davon, die "Große Lavra", wurde im Jahr 963 vom byzantinischen Mönch Athanasios Athonites gegründet.

Neben den Klöstern wies der Vortragende auch auf die Siedlungsform der "Skiten" hin. Dabei handelt es sich um von den Klöstern abhängige dorfähnliche Siedlungen, in denen Mönche entweder in kleinen Gruppen, oder einzeln in Zellen leben. An den vergleichsweise schwer zugänglichen Hängen des Athos-Berges finden sich schließlich die "Eremitagen", Einsiedeleien, die man sich als einfachste Kleinbauten oder Höhlen vorstellen kann. Athos sei jedoch, so Marvan, nicht nur "Hort des orthodoxen Glaubens", die Mönchrepublik könne auch als ein "ungewöhnliches Museum" gesehen werden, das das Mittelalter nicht einfach repräsentiere, sondern vielmehr lebe und in dem die Zeit stehen geblieben sei. Das Leben am Athos stellt sich laut Marvan dar als eine "stille, stehende, vorkopernikanische Welt", in deren Zentrum sich der Mensch befinde. "Gott ist ein vollkommenes Wesen, weil er keine Bewegung braucht. Er bewegt alles und alles strebt nach seiner Vollkommenheit, das heißt zum Stillstand", präzisierte der Referent diese spezifisch orthodoxe Vorstellungswelt.

Gerade die Unruhe der Welt sei für die Mönche Anlass zum Gebet. Sie verstünden sich als spirituelle Avantgarde, die mittels ihres monastischen Lebens und der Wirkkraft der damit verwobenen liturgischen Formen zum Heil der Welt beitrügen. Zudem würden auch durch das gemeinsame Gebet, den gemeinsamen Glauben und die gemeinsame Lebensweise Voraussetzungen für eine auf dem Ideal der Gleichheit basierende Gesellschaft geschaffen.

Geldverhältnisse spielten auf Athos ohnehin keine Rolle. Das zweite wichtige Ideal der modernen Zivilisation, die Freiheit, werde jedoch von den Mönchen nicht angestrebt, liegt doch dem Referenten zufolge der Sinn der geübten Askese im Verzicht auf individuelle Freude und damit verbundenem Überlegenheitsgefühl. Auch hinsichtlich des im weitesten Sinn zu denkenden Begriffs der Liebe sah Marvan deutliche Unterschiede zwischen der Welt des Athos und der "Außenwelt". In der "gewohnten Welt" stehe die Liebe immer in Verbindung mit einer Bestrebung oder einer Aktion. Der Liebesbegriff werde daher in einer ständigen Umwandlung begriffen. Anders bei den Athos-Mönchen: Sie ankerten vielmehr in einem tiefen, dem Ideal an sich verpflichteten "Platonismus", der ausschließlich dem Glauben verbunden, somit von jedweder Tat isoliert sei. "Die Liebe ist ewig, solange wir an sie glauben", brachte Vilém Marvan zum Abschluss seines Vortrags die Haltung der Mönche am heiligen Berg auf den Punkt.