Lokale Kultur

Musik bis in die frühen Morgenstunden

Die 15. Kirchheimer Musiknacht stellte rund 10 000 zahlende Besucher mit 79 Bands und DJs vor die Qual der Wahl

Kirchheimer Musiknacht 2012

Kirchheimer Musiknacht 2012

Die Kirchheimer Musiknacht ist eigentlich längst nicht mehr zu toppen, doch die Verantwortlichen schaffen es immer wieder, das jeweilige „Vorgängermodell“ zu übertreffen. Die Nachfolgeveranstaltung von Werner Dannemanns „Fête de la Musique“ ist und bleibt damit „ein Glückfall für die Stadt“.

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Kirchheim. So sieht das offensichtlich auch Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, die es stets „als eine Freude und Ehre“ empfindet, wenn sie schon um 12 Uhr mittags vor dem Rathaus die Kirchheimer Musiknacht eröffnen darf. Begeistert darüber, wie es Michael Holz, Andreas Kenner, Thorsten Wenzler und ihr gut eingespieltes Musiknacht-Team immer wieder schaffen, unter freiem Himmel die Besucher der Teckstadt in allen Gassen und Gärten mit Musik zu empfangen und zu begeistern.

Sie betonte den großen Stellenwert der Kultnacht, die die Stadt und ihre Bewohner zum Leben bringt und die den vielen Gästen die Lebensqualität des Mittelzentrums vor Augen führen kann, für die Kirchheim zurecht von vielen bewundert wird.

Sie betonte, dass beim Feiern auch die Bedürfnisse der Bewohner der Innenstadt nicht aus dem Blick geraten dürfen und ein bewusstes Miteinander auch entsprechende Rücksicht erforderlich mache. Das gelte im Blick auf die wieder einmal von der Sonne verwöhnte Musiknacht genauso wie für das an vielen öffentlichen Plätzen am folgenden Abend übertragene letzte Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft.

Die gut gelaunte Oberbürgermeisterin präsentierte vor Zeugen eine Wette, die sie mit dem nicht nur musikalisch, sondern auch sportlich eng mit England verbundenen Andreas Kenner geschlossen hat. Falls es im Rahmen der laufenden Europa-Meisterschaften zu einer deutsch-englichen Begegnung kommen sollte, setzte sie natürlich auf die deutsche Mannschaft, während „Anne“ Kenner einen Sieg der Engländer prognostiziere.

Sollte er tatsächlich recht behalten, werde sie am Kirchheimer Rathaus die englische Flagge hissen. Sollte sie gewinnen, müsse Andreas Kenner eine ungleich schwerere Vorgabe erfüllen. Er verpflichtet sich im Falle einer „Fehlprognose“ im Gegenzug dazu, nicht nur während einer gesamten Gemeinderatssitzung, sondern auch schon in der Vorberatungsrunde auf jegliche Wortbeiträge zu verzichten. Dass das dem nicht eben schweigsamen Stadtrat ungemein schwerer fallen dürfte, dafür aber für die wohl kürzeste Sitzungsrunde sorgen könnte, war den Besuchern des Musikfests offensichtlich bewusst.

Das Thema Fußball war dann bis in die frühen Morgenstunden in der Kirchheimer Innenstadt fast vollständig ausgeblendet und wurde von unterschiedlichsten Musikangeboten klar übertönt. Statt der Projektionsflächen öffentlicher Fußball-Übertragungen dominierten Musiker vor Verstärkertürmen und singende, swingende und ausgelassen tanzende Menschen unterschiedlicher Generationen das Stadtbild.

Wie vielfältig die Kirchheimer Musiknacht ist, belegte schon der kostenlos offerierte nachmittägliche Konzertreigen, dessen Quantität und Qualität schon fast an das offizielle Gesamtprogramm manch anderer vergleichbarer Veranstaltungen heranreichte. Neben Soul und Rock der zehnköpfigen Formation „Mama Pajama & Friends“ am Rathaus erklang gleich um die Ecke im Bereich „Wunderbar / Stiftsscheuer“ zünftige Blasmusik mit den sieben in Lederhosen aufspielenden „Blechdudlern“.

„Thommi Ruess & Die Zustände“ bauten gemütlich vor „Coffee Berries“ auf, um sich mit einer deutsch-englischen Mischung aus Rock und Pop dem großen Idol Nora Jones anzunähern.

Die „Rumblers“ blickten im Wachthausgarten mit ihren Oldies zurück und huldigten auf Schwäbisch der nach Lenningen führenden „Route 66“, die ihren legendären Ruf vor allem der Tatsache verdanke, dass man sie noch mit 66 ohne Pedelec und Herzschrittmacher befahren könne. Den am Abend noch ganz besonders umfangreich ausgebreiteten Klangteppich unterschiedlichster Covermusik eröffneten „G.O.N.“ vor dem „Queens“ auf der Dettinger Straße.

Diese Ecke der Stadt wurde auch um 18 Uhr zur wichtigen Pilgerstätte und frühzeitig zum neuralgischen Punkt für den „Durchreiseverkehr“. Zunächst hatte Lokalmatador Werner Dannemann im Bereich „Hopfenstube / Heidis“ seine Fangemeinde um sich versammelt und beim abendlichen Musiknacht-Auftakt Andreas Kenner mit seiner Bluesharp an seiner Seite.

Später verhinderte der sizilianische Bluesgigant Calo Rapallo aus dem Remstal, dass allzu viele Musikfans mutwillig die eingezäunte Fanmeile in Richtung Süden verlassen konnten. Wer sich trotzdem schon zum angekündigten Konzertbeginn von „Sydney Ellis“ zum „Villa“-Garten durchgeschlagen hatte, fand dort zunächst auf zwei Flachbildschirmen gereichte „Fußballhäppchen“ vor. Später wiederzukommen lohnte sich aber zweifellos, denn das winddurchwehte Gospel-, Soul- und Blueskonzert wurde von einer treuen Fangemeinde zurecht begeistert gefeiert.

Wer zwischendurch auch einmal den Klängen flächendeckend angebotener Covermusik unterschiedlich sortierter Jahrgänge den Rücken kehren wollte, fand Schutz in der Bastion, wo sich Keith Dunn & Chris Ranneberg – Europas bester Bluespianist und einer der besten amerikanischen Bluesharp-Spieler – mit Gleichgesinnten der in der Fußgängerzone vorherrschenden Sing-, Swing- und Tanzmusik entzogen.

Ebenfalls windgeschützt und im sicheren Abstand zu konkurrierenden Schallwellen ließen mit leisen Tönen und virtuoser Musik die im Innenhof des „Fuchsen“ auftretenden „Vivid Curls“ aufhorchen, die 2010 und 2011 mit dem „Deutschen Rock- und Pop-Preis“ ausgezeichnet worden waren. Deutlich stärker von lautstarker Musik beeinträchtigt war der eher leise Auftritt des „schwäbischen Dichtersängers“ Thomas Felder, der im ersten Obergeschoss des Kornhauses Menschen um sich versammelte, die auch auf feine Zwischentöne achten.

Ruhig, intim, emotionsgeladen, aber immer wieder auch stimmgewaltig sorgte das Duo „Love the Love“ im Freiluft-Ambiente hinter dem „Kaffee Konzept“ für musikalische Sternstunden. Ein wahres Juwel blitzte im „Kulinair“ auf, das von Mary Summer & Friends zum Schauplatz eines eindrucksvollen Jazz-Konzerts im kleinen Kreis gemacht wurde.

Die größte Bühne der Stadt stand mit dem Marktplatz Süddeutschlands erfolgreichster Latin Band „Aqua Loca“ zur Verfügung, die von Beginn an überhaupt keine Probleme hatte, mit ihrer abwechslungsreichen und vor Spielfreude überschäumenden Musik die „gute Stube“ in einen Tanzsaal zu verwandeln.

Eher unbekannt waren vielen Besuchern die selbstbewusst vor dem „Bären“ auftrumpfenden Ladies von „Miss Foxy“ mit ihrer charismatischen Ausnahmesängerin Steffi Spingies, die aber garantiert in guter Erinnerung bleiben. Der nächste Musiknachttermin steht schließlich schon unumstößlich fest.

„Hier kommt Alex“ läutete im Stadtkino dann die letzte Vorstellung ein, und in der „Milchbar“ gab es in den frühen Morgenstunden des Sonntags dann noch viel „Tonic“ zum finalen Abfeiern.