Lokale Kultur

Musikalische Biografiearbeit

KIRCHHEIM Mit einem gewichtigen Sonatenprogramm stellten sich am Sonntag die Geigerin Miriam Röhm-Wieck und ihre Klavierpartnerin Hilke van Lessen im Rundsaal des Kirchheimer Schlosses vor. In ihren kurzen Kommentaren zu den gespieltenWerken legte die Pianistin

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GERHARD FINK

Wert auf deren Bezüge zu den für die Entstehungszeit überlieferten Lebensumständen der Komponisten.

So steht Mozarts Sonate in G-Dur KV 379 in zeitlichem Kontext zur Aufkündigung seiner Stellung als Hofmusiker in Salzburg. Es ist, als würde die Musik diese Wende im Leben des Wolfgang Amadee inhaltlich wiederspiegeln: Das Genie ist sich nunmehr zu schade für das fürstbischöfliche Divertissement.

Einen Mozart ohne Schnörkel und Ohrenschmeichler präsentierten denn auch die beiden Musikerinnen und brachten das einleitende Adagio und den zentralen Allegrosatz mit dem gebührenden Ernst zu dramatischer Wirkung. Für den abschließenden Variationensatz hätte man sich allerdings ein Musizieren mehr aus dem Piano heraus gewünscht, das dem Charme der Mozartschen Eingebungen noch reichere Entfaltungsmöglichkeiten gewährt hätte.

Sehr lohnend war die Begegnung mit der Sonate in Es, die Paul Hindemith als einigermaßen behüteter "Etappensoldat" gegen Ende des Ersten Weltkriegs geschrieben hat. Das Werk gibt Aufschluss über die Identitätsfindung des jungen Kapellmeisters, der noch zwischen den Polen Spätromantik und Expressionismus zu lavieren scheint. Miriam Röhm-Wieck und Hilke van Lessen ebnen die Schroffheiten und Zuspitzungen des ersten Satzes nicht ein, die gelegentlich an Prokofiew oder gar an Strawinsky denken lassen. Andererseits erzielten sie in den kontrastierenden Takten zarte, impressionistisch wirkende Klangwirkungen und arbeiteten den Primat der Melodik überzeugend heraus.

Das Juwel dieser Komposition aber ist der zweite Teil "Im Zeitmaß eines langsamen feierlichen Tanzes", ein früher Beweis für die besondere Affinität zu alten Tanzformen, die Hindemith beispielsweise in der Passacaglia aus "Die Harmonie der Welt" offenbarte. Das konzertierende Duo war hier ganz in seinem Element und kostete die klangliche und dynamische Feinheit dieser Musik voll aus.

Zum Höhepunkt des Abends wurde die Wiedergabe der G-Dur-Sonate von Johannes Brahms eine im Sommer 1878 entstandene Komposition, die einerseits Bezüge herstellt zu tragischen Ereignissen im Hause Schumann, andererseits doch auch die gelöste Urlaubsstimmung aus Pörtschach einfängt. Den Schwebezustand zwischen zarter Melancholie, leidenschaftlichem Aufbegehren und heiter-gelassenem Ausklang treffen die Interpreten traumwandlerisch sicher. Souverän werden die großen spieltechnischen Anforderungen dieses Werkes gemeistert und auf der klanglichen Seite präsentierte sich der Blüthner-Flügel, der ja fast noch aus der Brahmsära stammt, in schönster Übereinstimmung mit der warm temperierten Violine von Miriam Röhm-Wieck. Von dem ebenso geistvollen wie brillanten Musizieren profitierte in gleicher Weise das zugegebene Scherzo aus der FAE-Sonate.