Lokale Kultur

Musikalische Entdeckungsreise

Tastatour-Konzert mit Marais-Consort in der Kirchheimer Schlosskapelle

Kirchheim. Ganz im Zeichen der Variation stehen die Veranstaltungen der Tastatour, was ein vielfältiges Programmspektrum garantiert, zeitlich weitgefasst von der Renaissance

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BERNHARD MOOSBAUER

bis zur Gegenwart. Mit dem Marais-Consort war am vergangenen Samstag eine im Kirchheimer Konzertleben selten zu hörende Formation in der Teckstadt zu Gast.

Das aus fünf Gamben bestehende Ensemble deckt mit seinen Instrumenten sämtliche Stimmlagen ab, vom Sopran bis zum Bass. Dazu kam noch das Cembalo, das, einem Orgelregister vergleichbar, zum Consortklang der Gamben hinzutreten, aber auch pausieren, oder mit instrumentenspezifischen repräsentativen Bearbeitungen der Vorlagen hervortreten konnte. Am ehesten ist einem interessierten Publikum noch die englische Consortmusik mit ihrem schier unüberschaubaren Repertoire und Namen wie Holborne oder Jenkins ein Begriff.

Was das Marais-Consort anlässlich seines Gastspiels in Kirchheim präsentierte, kann getrost als ein kompendienhafter Überblick über die Literatur für Gambenensembles bezeichnet werden. Intelligent zusammengestellt und durch den Leiter der Gruppe, Hans-Georg Kramer, mit informativen Kommentaren und Erläuterungen im Konzert versehen, geriet der Abend zu einer musikalischen Entdeckungsreise durch „Zeit und Raum“ des Europas der Spät­renaissance und des Barocks.

Schwerpunkte lagen dabei auf der seinerzeit populären Tanzmelodie des aus Italien stammenden Pass’e mezzo antico und dem „Gassenhauer“ der Chansonliteratur des 16. Jahrhunderts „Susanne un jour“ des langjährigen Münchener Hofkomponisten und Kapellmeisters Orlando di Lasso, das unzählige Male als Grundlage für Variationen diente, sowie einem längeren Aufenthalt im sogenannten „Goldenen Zeitalter“ des elisabethanischen England um 1600.

Die Mitglieder des Ensembles gaben mit ihrer exemplarischen Auswahl einen aufschlussreichen Einblick in die reichhaltige und eindrucksvolle Literatur für Gambenensemble. Den Löwenanteil bestritten dabei nicht unerwartet englische Komponisten, so John Dowland mit seinem wohl bekanntesten Stück, den „Lachrimae“, ursprünglich als Lied mit Lautenbegleitung komponiert, oder Henry Purcell mit einer Folge von vier frei zusammengestellten Kompositionen.

Die abwechslungsreiche Programmwahl hatte ihr Pendant in der durchdachten Variabilität der Besetzungen. In augenfälliger Weise war dies bei den verschiedenen Versionen der „Susanne“-Chanson zu hören mit zwei Fassungen für Sologambe in unterschiedlicher Lage, begleitet vom Cembalo, einer Version für Gambenconsort und einer für Cembalo solo.

Dass die Ensemblemitglieder sämtlich Meister auf ihren Instrumenten sind, braucht nicht eigens betont zu werden. Davon zeugte allein schon das abgestimmte Musizieren, unabdingbare Voraussetzung einerseits für klangliche Homogenität, andererseits für stimmliche Differenzierung. So gelang dem En­semble, nationale Unterschiede in der Musiksprache und den Klangwelten der verschiedenen, im Programm vertretenen Musiklandschaften herauszuarbeiten.

Die überzeugende und attraktive Präsentation der Musik konnte auch durch erschwerende Umstände, wie die zunehmende Luftfeuchtigkeit und Wärme im Rundsaal des Schlosses, nicht grundlegend beeinträchtigen. Sie erschwerten zum einen die Tongebung, zum anderen die intonatorische Abstimmung und machten ein das übliche Maß übersteigendes Nachstimmen der Instrumente notwendig, konnten aber die hohe Qualität der Darbietung nicht schmälern.

Der hohe Zuspruch des Publikums zeigte, dass es durchaus einen größeren Kreis an Interessenten für die sogenannte „Alte Musik“ in der näheren und weiteren Umgebung Kirchheims gibt. Den noch ausstehenden Veranstaltungen des Kulturrings im Rahmen der Tastatour sind weitere solche Konzertpreziosen und ein anhaltend reger Zuspruch zu wünschen.