Lokale Kultur

Musikalische Formel aus Klang und Stille

Der in Kirchheim geborene Trompeter Udo Moll hat das „Mollsche Gesetz“ erfunden

Kirchheim. Das Mollsche Gesetz. Was sich wie ein Relikt aus dem Physik-Unterricht anhört, verweist in die Welt des Klangs. Sein Schöpfer und Namensgeber ist der 1966 in Kirchheim geborene Trompeter und

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Florian Stegmaier

Live-Elektroniker Udo Moll. Das für sich und sein 2004 gegründetes Improvisationstrio in Anspruch genommene „Gesetz“ besagt, dass kein Stück länger als eine Minute dauern darf, und stets eine Pause derselben Länge zu folgen hat. Das Ganze ist jedoch kein fiktives, von außen aufgesetztes Dogma, sondern ein Konzept, das sich aus der musikalischen Praxis heraus organisch entwickelt hat.

Am Anfang stand für Moll und seine Mitstreiter die Idee, ein Konzert mit ausschließlich kurzen Stücken zu machen, um das bei Improvisationen so typische „warm up“ zu vermeiden. „Als Publikum möchte man doch lieber, dass die Musiker gleich zur Sache kommen“, führt der in Köln lebende Musiker aus. „Und um das zu regeln, haben wir uns auf jeweils eine Minute beschränkt. Spaßeshalber haben wir dann auch mal nach jedem Stück eine genauso lange Pause gemacht. Das war dann das Mollsche Gesetz“.

Für den Hörer stellt sich dabei der Effekt ein, dass Zeit nicht mehr strikt kontinuierlich zu vergehen scheint, vielmehr als gedehnt oder gestreckt, ein anderes Mal als gestaucht und geschrumpft erlebt wird. Der stete Wechsel von Klang und Stille füllt auch die Pausen, lässt sie zu einem sinnlich erfahrbaren Ereignis werden.

Zumal die Stille, wie Udo Moll darlegt, relativ ist. „Da brummt, knistert, knarzt immer irgendetwas. Auch darüber kommt genügend Input während dieser Minute Stille. Außerdem wirken die Pausen wie Rahmen. Von Stille umgeben sind die einzelnen Aktionen und Töne viel wichtiger, präsenter, mit viel schärferer Kontur.“

Das Trio, das neben Moll aus dem Posaunisten Matthias Muche und dem Kontrabassisten Sebastian Gramss besteht, schöpft aus einem stilistisch denkbar breiten Ansatz. Die freie Improvisation verbindet sich mit computergenerierten Geräuschen und Elementen aus dem Jazz sowie dem Fundus der Tanz- und Volksmusik.

Hinzu gesellen sich Gastkünstler, die jeweils eigenes Kolorit beisteuern. Bei der letztjährigen Kölner Musik-Triennale war das Trio mit der Stimm-Performerin Maria de Alvear, dem Pianisten John Tilbury und dem Gitarristen und Klarinettisten Elliot Sharp zu erleben, wobei die jeweiligen Orte der Aufführung erst 24 Stunden vor Konzertbeginn bekannt gegeben wurden.

Neben seiner Triotätigkeit spielt Udo Moll unter anderem im Kölner Ensemble „James Choice Orchestra“ und der ebenfalls in der Rheinmetropole ansässigen Folk- und Weltmusikgruppe „Schälsick Brassband“. Letztere Formation widmet sich der Musik und Tradition europäischer und außereuropäischer Kulturkreise, wobei auch hier der Zusammenarbeit mit Gastmusikern entscheidende Bedeutung zukommt.

Der deutschen Weltmusikszene bescheinigt Moll derzeit einen regelrechten „Balkan-Boom“. Frühere Tourneen mit der „Schälsick Brassband“ führten ihn nach Nordafrika oder in den Iran. Im Internet einsehbare Tourtagebücher liefern subjektive, daher ganz authentische und lebendige Eindrücke dieser interkulturellen Klischees und Vorurteile aushebelnden Begegnungen.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.dasmollschegesetz.de.