Lokale Kultur

Musikgeschichte wurde lebendig

WEILHEIM Mit einem interessanten Programm gastierte der Württembergische Kammerchor unter Leitung von Dieter Kurz in der Peterskirche in Weilheim. Im Konzert

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RENATE SCHATTELmit dem Titel "Ein Stündlein wohl vor Tag Mörike-Vertonungen der Romantik für Solostimmen sowie gemischten Chor a cappella und mit Klavier" erklangen Kompositionen von Zeitgenossen Eduard Mörikes, die mit dem Dichter befreundet waren und ihn noch persönlich erlebt hatten.

Eduard Mörike hatte den Komponisten gegenüber klare Wünsche geäußert, wie er sich die Vertonungen vorstellte. Noch der Klassik vertraut, wollte er keine Tonsätze, die zu ausschweifend waren, erklärte Dieter Kurz in seiner Einleitung dem Weilheimer Publikum. Mörike habe die einfache Begleitung geschätzt. Der stets mit Mörike-Liedern in Verbindung gebrachte Hugo Wolf habe seine Kompositionen erst eine Generation später ausgeführt.

Mit dreizehn Komponisten aus der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts ließ der Württembergische Kammerchor in der Peterskirche ein Stück Musikgeschichte lebendig werden. Verschiedene Gedichte Eduard Mörikes wurden in unterschiedlichen Vertonungen einander gegenübergestellt. Ein umfangreiches Begleitheft mit Texten zu den Stücken und den Komponisten, zusammengestellt von Rainer Butz, machte das musikwissenschaftliche Lehrstück perfekt.

Dass der Konzertabend aber dennoch alles andere als lehrstückhaft war, dass die Zuhörer von Musik und Text geradezu verzaubert waren und am Ende "Bravo"-Rufe und nicht enden wollender Applaus folgte, lag zweifelsohne an den Interpreten des Abends. Dieter Kurz hatte seine Sängerinnen und Sänger perfekt im Griff und konnte wichtige Spannung schon im Vorfeld erzeugen. Der Chor klang in sich stimmig und homogen, wohl ausdifferenziert und dynamisiert.

Von unterschiedlicher Qualität zeigten sich die Solistenstimmen des Abends. Sarah Wegener überzeugte mit ihrem vollem Sopran genauso wie mit ihrer großen Bühnenpräsenz und ihrer humoristischen Ader. Die Mezzo-Sopranistin Daniela Flörchinger hatte ihren Stimmsitz weit nach hinten gelegt und konnte dadurch weich singen, die Brillanz allerdings fehlte etwas. Die junge Stimme des Tenors Daniel Wagner gewann im Laufe des Abends immer mehr an Charakter und Sicherheit. Friedemann Brauns herausragende Stimme konnte die Solopartien stimmig und äußerst klangvoll bewältigen.

Die von Eduard Mörike immer so gewollte unaufdringliche Klavierstimme in den Solopartien spielte dezent und einfühlsam Friedemann Braun. Folgende Tonkünstler mit ihren Kompositionen, ganz nach dem musikalischen Geschmack Mörikes, den Text mit der Musik nur zu untermalen und dabei Wohlklang zu erzeugen, wurden zu Gehör gebracht: Karl Eberhard Mörike, Eduards sieben Jahre älterer Bruder, Ernst Friedrich Kauffmann, enger Studienfreund Mörikes, Mathematiklehrer und Liedkomponist, Louis Hetsch, ebenfalls Studienfreund und Konzertmeister.

Des weiteren kamen Vertonungen von folgenden Komponisten zur Aufführung: Ignaz Lachner, Hofmusikdirektor in Stuttgart, Robert Franz, Liedkomponist, Otto Scherzer, Tübinger Universitätsmusikdirektor, Wilhelm Speidel, gebürtiger Ulmer und Mitbegründer des Stuttgarter Konservatoriums sowie Gustav Pressel, Theologe, Karl Emil Kauffmann, Geiger an der Stuttgarter Hofoper, und Joseph Gabriel Rheinberger, Professor an der königlichen Musikschule in München.

Robert Schumann, Johannes Brahms und Max Bruch als die bekanntesten Komponisten ergänzten das Programm. Unter anderem wurde das Gedicht "Ein Stündlein wohl vor Tag" in drei Versionen vorgestellt, das "verlassene Mägdlein" und "Denk es, o Seele" zweimal. Aus der Musikbeilage zum "Maler Nolten" erklangen unter anderem "Der Feuerreiter" und "Elfenlied". Für Chor und Soloquartett mit Klavier und Orgel komponierte Ernst Friedrich Kauffmann den "Kirchengesang bei einer Trauung", den die Interpreten wunderschön zu Gehör brachten.

Entzückend waren Sarah Wegener und Daniela Flörchinger in "Die Schwestern", verblüffend die "Arie der Justine" aus der Oper "Die Regenbrüder", erhebend zum Finale das "Gebet" von Max Bruch. Deutlich wurde auch in diesem Konzert, dass Eduard Mörikes sowohl heitere wie abgründige Dichtung umfassend und zeitlos ist und von einer sanft leuchtenden Harmonie bestimmt wird.