Lokale Kultur

Musikumspielter "Tiefseetauchgang im Blautopf der schwäbischen Seele"

KIRCHHEIM Sie fingen nicht schwach an, um dann stark nachzulassen ganz im Gegenteil. Die Multitalente Ernst Mantel aus Aalen und Heinrich Reiff aus Tübingen brachten am Samstagabend im ausverkauften Evangelischen Gemeindehaus in Ötlingen den Saal und das

Anzeige

WOLF-DIETER TRUPPAT

dort versammelte Personal sekundenschnell auf die richtige Betriebstemperatur. Unter der tätigen Mithilfe des immer mehr außer Rand und Band geratenden Publikums konnte das Duo ein doch eher klerikales Veranstaltungsforum in einen wahren Hexenkessel verwandeln.

Obwohl es immer wärmer wurde am Ort auch stiller Andachten, läuteten die immer unbarmherziger mit den Lachtränen ihres Publikums spielenden Bänkelsänger mit einem entschieden geforderten "Dürdsu" das Finale eines eindrucksvollen Auftritts ein. Das im Refrain immer wieder vorwurfsvoll und mitleiderregend gesungene "mifrierdsu andfüs" weckte menschliche Wärme und entsprechendes Mitgefühl mit denen, die sonst "wermere sögla andsin" müssen.

Nach dem vom Kulturring Ötlingen initiierten Auftritt, der zweifellos von allen Beteiligten als voller Erfolg verbucht werden kann, müssten künftig eigentlich gleich zwei Autos wieder ein warmes Plätzchen in Garagen finden, die seither prall mit CDs gefüllt waren und damit trotz strengster Minusgrade den Besitzern die Einfahrt verweigerten. Oder ist der Schwabe auch in Ötlingen so, wie die beiden international agierenden Gute-Laune-Gurus glauben machen wollten? Der fast die ganze zweite Spielzeit über liebevoll umworbene und aus den Garagen mitgebrachte CD- und DVD-Bestand hätte dann freilich sehr wenig Chancen auf eine neue Heimat.

Zunächst nichts Gutes an sich findend, fanden die beiden ausgelassenen Akteure schließlich doch recht rasch heraus nämlich gleich zu Beginn dass sie immerhin gute Esser sind und zwar ganz besonders dann, wenn es nichts kostet. "Nex verkomma lassa", lautete eine andere Lektion, die ein schnell lernendes Publikum im frenetischen Zugabenerklatschen möglicherweise ja schon umgesetzt haben könnte. Nachdem schon bezahlt war, konnte man den beiden eigentlich schon hart genug arbeitenden Gästen ja ruhig im Schutz kollektiver Übermacht noch ein paar Zugaben abtrotzen. Dass sie das Geräusch aufeinandergeschlagener Hände und andere Beifallsbekundungen freilich überaus gern über sich ergehen lassen, hatten die profunden Kenner schwäbischer Eigenheiten schon früh genug zu erkennen gegeben und deutlich gemacht, überhaupt nichts gegen "sitting ovations" zu haben.

Des schwäbischen Idioms nicht mächtige Hochsprachler im Publikum konnten beim Gastspiel von "Ernst und Heinrich" sicher so gut wie gar nichts verstehen, sich aber immerhin an der unter Beweis gestellten Musikalität und der imposanten Instrumentenvielfalt erfreuen. Selbst alteingesessene Schwaben hätten sich bei einer der per High-Tech-Video-Wand eingespielten Szenen schwer getan. Die fast bis zur Unkenntlichkeit mundartlich eingefärbten Erinnerungen daran, wie früher einmal alles war und welche Gerätschaften und Techniken in der Landwirtschaft zum Einsatz kamen, hätte wohl niemand im Saal lippensynchron und vor allem vollständig mitübersetzen können.

Dass es bei so viel zur Verfügung stehenden Talenten und Instrumenten kräftig was aufs Ohr geben wird, war ja schon in Ordnung, aber musste es tatsächlich gleich Johann Sebastian Hornbachs "Silikonfuge in Tesa-Moll" sein? Das Repertoire reichte bis hin zu blumenumkränzt präsentierten schmelzenden Hawaiiklängen die allerdings nicht in fernen Ländern praktizierten Fruchtbarkeitsritualen galten, sondern den handfesten hiesigen Problemen der "Haiernde" und des richtigen Transports der "Ahna", die auf dem Heuwagen keinesfalls "ondadonda onder'm Hai" sein sollte. Richtig warm ums Herz wurde es aber zweifellos bei der mit Zither und Hackbrett anrührend begleitet völlig neu erzählten Weihnachtsgeschichte.

Ein weiterer klarer, wenn auch emotional deutlich weit weniger Wärme ausstrahlender Höhepunkt des Abends war der von einer viva-mäßig entfesselt geführten Hand-Kamera aufgezeichnete Rapper-Parodie der beiden extrem vielseitigen Künstler. Auch wenn erkennbare Unruhe und spürbare Erregung aufkam, als die Bühnenidole sich vermeintlich anschickten, auf offener Bühne des Gemeindehauses sich lasziv aus ihren "todschicken schwarzen Designeranzügen zu schälen", sahen sie mit stark heruntergelassenen Hosen dann doch nicht mehr so gut aus und das nicht nur, weil sie ihre "tollen Frisuren" unter dicken Wollmützen und ihre freundlichen Gesichter hinter dunklen Sonnenbrillen versteckten.

Mit einem nicht allzu emsigen Sammler von Worten setzten sich die unter www.ernstundheinrich.de im Internet wohnenden Schwabenkenner genauso auseinander, wie mit dem Mann, der sich zwar von Frau und Kind, nicht aber von seinen alten Fernsehern trennen kann. Damit könnte man ja schließlich noch etwas basteln, wofür dann allerdings irgendein "Deng" benötigt wird, das es im gut sortierten Paradies aller Männer gibt in dem am Wochenende ehrfurchtsvoll heimgesuchten Baumarkt . . .

Übrigens: Wer CDs, DVDs oder gar das ganze Duo verpasste, bekommt bald eine zweite Chance. Am Samstag, 5. August, kommen "Ernst und Heinrich" zurück nach Kirchheim und laden dann zum Lachen in den (Bastions-)Keller.