Lokale Kultur

Mutmaßungen über den Zusammenhang von Begrifflichkeit und Kunst

KIRCHHEIM Johannes Stüttgen, Meisterschüler und langjähriger Mitarbeiter von Joseph Beuys, war auf Einladung des Kunstvereins Kirchheim mit einem Vortrag in der Städtischen Galerie im Kornhaus zu Gast.

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FLORIAN STEGMAIER

Der Zusammenhang von Begrifflichkeit und Kunst sollte dabei erörtert werden. Johannes Stüttgen widmete sich dabei der Theorie des erweiterten Kunstbegriffs und spannte über den Terminus der "Begriffsarbeit" einen Bogen von den gegenwärtig ausgestellten Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners und dessen Impuls der sozialen Dreigliederung hin zu den Tafeln von Joseph Beuys und dessen "Sozialer Plastik".

Zum Verständnis des Kunstbegriffs bei Steiner und Beuys führte der Referent Rudolf Steiners Aufsatz "Goethe als Vater einer neuen Ästhetik" aus dem Jahre 1889 an. Zentrale These dieser Arbeit ist, dass in der Kunst nicht, wie es die deutschen Idealisten gemeinhin angenommen hatten, sich die Idee in der Form ausdrückt, sondern dass genau umgekehrt die Materie in Form der Idee erscheint. "Der Künstler", so stellt Rudolf Steiner in diesem Aufsatz fest, "bringt das Göttliche nicht dadurch auf die Erde, dass er es in die Welt einfließen lässt, sondern dadurch, dass er die Welt in die Sphäre der Göttlichkeit erhebt".

Johannes Stüttgen deutete diese Anschauung des künstlerischen Tuns sogar als "Erlösung" der Materie in einen höheren, geistigeren Zustand. Rudolf Steiners "anschauende Ästhetik" sowie sein dreigegliederter sozialer Organismus Geistesleben, Rechtsleben, Wirtschaftsleben wird im erweiterten Kunstbegriff von Beuys wirksam und führt unweigerlich zur "Sozialen Plastik". Hinter der vielzitierten Aussage "Jeder Mensch ist ein Künstler" steht der Ansatz, Kreativität als Volkvermögen zu betrachten, den Begriff Kunst letztlich auf die menschliche Arbeit schlechthin anzuwenden.

Anhand der Steinerschen Wandtafel "Golgatha" entwickelte Johannes Stüttgen eine Identität zwischen diesem Kreativitätsprinzip und dem der Auferstehung die alte Form ist erstarrt und muss in eine lebendige, durchpulste Gestalt umgewandelt werden, die Leben, Seele und Geist fördert. Ausgangspunkt für diesen elementaren begrifflichen Wandel sei, sieht Johannes Stüttgen, das bewusste Erleben eines "absoluten Nullpunktes", eines regelrechten "Todeszustandes", in dem alle tradierten geistigen Zusammenhänge zum Erliegen kommen.

Symptomatisch für diesen Zustand führte der Referent Malewitschs als "Ikone der Moderne" gefeiertes "Schwarzes Quadrat" an, die er als ein "Aufräumen mit Begriffsleichen" deutete, als eine "tabula rasa mit der Chance eines Neuanfangs".

Der erweiterte Kunstbegriff ist somit ein Schwellenbegriff. Er markiert das Ende der Moderne und ihrer Ideologie von der Kunst als Spezialfeld individualistischer Ausdrucksform und wird zum universalen Gestaltungsbegriff. Die Vereinigung von Künstler und Kunstwerk in einem Begriff, nämlich den der "Sozialen Plastik", stellte Johannes Stüttgen als das entscheidende Novum bei Joseph Beuys heraus. Mit diesem Begriff verbindet sich notwendig die Idee der "Aktion", einer gestalteten Lebenszeit, in der der Mensch sich als Mensch formt.

Ursprung und Ziel der Aktion, so machte Johannes Stüttgen in seinem Vortrag deutlich, sei der Mensch, seine schöpferische Freiheitsnatur, sein Ich und die daraus hervorzubringende Gesamtfigur, die Soziale Plastik. Wie Rudolf Steiner und Joseph Beuys schon vor ihm, griff auch Johannes Stüttgen wenn er im Laufe seines Vortrags zu begrifflich schwer fassbaren Themen vorstieß zu farbigen Kreiden, um das Gesagte an einer Wandtafel zu illustrieren.

Die historische Schultafel, die das Städtischen Museum freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, wurde so ganz im Sinne der aktuellen Ausstellung zum visuellen Begriffs-Vermittler. Die Wandtafelzeichnung von Johannes Stüttgen wird im Verbund mit den Exponaten Steiners noch bis zum Ausstellungsende am Sonntag, 13. März, in den Räumen der Städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen sein.