Lokale Kultur

"Nachdenken über die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen"

WENDLINGEN Vielfalt in ihren dargestellten Techniken, Vielfalt in ihrer künstlerischen Aussagekraft _ so präsentiert sich die gezeigte Ausstellung "Kunst in der Region" in der

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GABY KIEDAISCH

Galerie der Stadt Wendlingen. Im Beisein der fünf Künstler aus Nürtingen, Kirchheim und Wendlingen wurde die bis 23. Januar dauernde Ausstellung von Bürgermeister Frank Ziegler eröffnet.

Vor einer großen Schar Kunstinteressierter sprach Wendlingens Bürgermeister Ziegler ein Grußwort. Als ein nach wie vor wichtiges Ereignis stellte er die Ausstellung heraus, die alljährlich im Wechsel von den Städten Kirchheim, Nürtingen und Wendlingen veranstaltet wird. Die Ausstellung biete einen interessanten Überblick über das kreative Schaffen der in der Region ansässigen Künstler. Dem Besucher biete sich dabei die Gelegenheit, seinen Blick für Kleinigkeiten, für Situationen und Stimmungen zu schärfen, die möglicherweise übersehen würden.

Die gezeigten Arbeiten erweiterten und veränderten die Wahrnehmung des Betrachters und forderten ein neues Denken und neue Verhaltensweisen ein. "Die Kunst lehrt uns das Sehen", fasste Ziegler zusammen. Sein Dank galt dem Team des Galerievereins, das die Ausstellung dieses Jahr umgesetzt hat. Einen kurzen Bogen über die Entwicklungsgeschichte der Ausstellungsreihe "Kunst in der Region" schlug anschließend Barbara Honecker, die in den letzten zehn Jahren in Kirchheim für die Organisation der Ausstellung verantwortlich war und vier davon während dieser Zeit ausgerichtet hat. Nach ihren Ausführungen zeigt sich, dass die Verantwortlichen der drei beteiligten Städte mit dem jetzigen Konzept auf dem richtigen Weg gelandet sind. Bester Beweis dafür ist die jetzige Ausstellung in Wendlingen.

Die Hand voll Künstler haben in der Galerie ausreichend Platz, sich zu präsentieren. Nichts wirkt überladen. Der Blick des Betrachters kann sich frei jedem einzelnen Kunstwerk widmen, ohne bereits vom nächsten der teilweise großformatigen Werke abgelenkt zu werden. Nach dem Motto "Weniger ist mehr" hat man seit dem Jahr 1997 ein neues Konzept für die Ausstellungsreihe entwickelt, verpasste ihr ein einheitliches Erscheinungsbild mit Plakaten und Einladungskarten, und einen neuen Namen gab es obendrein auch. Die Rechnung, den Künstlern eine breitere Plattform zu geben, scheint aufzugehen.

Verflogen sind auch längst die Bedenken, dass es mit jeder weiteren Ausstellung immer schwieriger wird, gute und bekannte Künstler auszuwählen. "Ganz im Gegenteil", sagte Barbara Honecker, "es ergab sich stattdessen die Möglichkeit, neue Künstler zu entdecken, die entweder im Stillen arbeiten oder einfach noch nicht so viele Ausstellungsmöglichkeiten hatten". Seit sieben Jahren ist es Aufgabe der Jury, ein spannungsreiches, interessantes Spektrum an Kunstschaffenden zur Teilnahme aufzufordern.

Aufgefordert wurden für die jetzige Ausstellung die Künstler und Künstlerinnen Iris Alvarenga, David Graeter, Andreas Mayer-Brennenstuhl, Peter Otto und Regina Weber. Bei ihrer Auswahl hatte die Jury Wert auf eine breite Darstellung von Kunst gelegt: es werden gezeigt Malerei, Fotografie, Installationen und Plastik.

In der Wendlinger Gruppenausstellung sind Werke der in Kirchheim lebenden Künstlerin Iris Alvarenga zu sehen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung studiert die 46-Jährige seit vier Jahren an der Freien Kunsthochschule in Nürtingen. Ihr Medium ist die klassische Ölmalerei, die dem Betrachter ein gegenständliches Erkennen erlaubt; wie dies auch in ihrem Hauptwerk "die Apfelbar", einem Triptychon, möglich ist, in dem sich die Künstlerin mit dem Menschenbild auseinandersetzt. Alvarenga setzt dieses dreiteilige Werk in den Kontext der biblischen Entstehungsgeschichte: Adam und Eva im Paradies, dargestellt als Palme, der Sündenfall, im mittleren Teil mit Apfelbutzen und offen stehender Tür zum Paradies und schließlich im unteren Teil die Sünder.

Ein Vertreter der Fotografie ist David Graeter. Der 37-jährige Stuttgarter Fotograf hat in Nürtingen ein Atelier. Seine Arbeiten thematisieren den "Mensch" in Verbindung mit dem öffentlichen und privaten Raum. "Dabei setzt er bewusst den Blick des amateurhaften Motivs ein, das es dem Betrachter erlaubt, seinen Voyeurismus auszuleben", erläuterte die Kunsthistorikerin.

Mit einer Installation vertreten ist der in Nürtingen seit vielen Jahren tätige Künstler und Dozent an der Nürtinger Fachhochschule für Kunsttherapie Andreas Meyer-Brennenstuhl. "Arkadien" nennt er die "idyllische Situation zum Nachdenken über die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen", die im Untergeschoss aufgebaut ist. Ob er nun mit diesem Werk die Meinung thematisiert, der Künstler verbringe sein Leben wie ein Bohemien im Paradies, oder ob er dem offen oder heimlich gehegten Wunsch vieler nachkommt, einmal im Leben einen satten Lottogewinn zu landen, um sich damit sein Leben ohne Arbeit unter Palmen einzurichten, bleibt jedem Betrachter selbst überlassen.

Jüngster Teilnehmer der Ausstellung ist der Fotograf Peter Otto aus Wendlingen. Derzeit studiert er Fotografie und Kommunikationsdesign in Essen. Den Charme alter Fabrikhallen hat er sehr einfühlsam auf Zelluloid gebannt. Dabei geht es ihm nicht um den Inhalt der Abbildungen an sich, ihm geht es vielmehr um den ästhetischen Aspekt. Ganz deutlich kommt dies bei der Fotografie des "Websaals" heraus. Angesichts der architektonischen Weite der Säulenkolonnaden kam Barbara Honecker ganz ins Schwärmen und verglich das Werk mit der Mezquita von Cordoba mit ihren zahllosen Hufeisenbögen: "Eine Kathedrale des Industriezeitalters, die der Künstler mit dieser Fotografie vielleicht erstmals auf diese Weise gesehen und gewürdigt hat." Für alle, die sich für Industriearchitektur aus der Gründerzeit interessieren, öffnet die Firma HOS (Otto) am heutigen Samstag die Firmentore. Treffpunkt zur Führung um 14 Uhr ist das ehemalige Pförtnerhäuschen bei der Hauptverwaltung.

Als fünfte Teilnehmerin stellt Regina Weber elf Arbeiten aus der Serie "teilweise" aus. Die Kirchheimerin hat an der Freien Kunstschule in Nürtingen Bildhauerei studiert. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht das Naturmaterial Holz. Indem sie es nun schwarz oder weiß behandelt und in geometrische Formen verarbeitet, nimmt sie dem Material seine Natürlichkeit und verpasst ihm so eine ganz neue Ordnung.