Lokale Kultur

Natalia Nikolai bietet einen pianistischen Paukenschlag in der Schlosskapelle

Natalia Nikolai bietet einen pianistischen Paukenschlag in der Schlosskapelle

Kirchheim. Mit einem pianistischen Paukenschlag ging das Liszt-Jahr 2011 in der Konzertreihe des vhs-Kulturrings zu Ende: Zu ihrem dritten Solo-Abend in Kirchheim hatte

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Natalia Nikolai in der Schlosskapelle die groß angelegte h-Moll-Sonate, ein Hauptwerk des diesjährigen Jubilars, auf dem Programm. Nicht nur technisch, vor allem gestalterisch stellt das im Jahr 1853 entstandene und Robert Schumann gewidmete Werk höchste Ansprüche an seinen Interpreten. Schon die einleitenden Takte ließen erahnen, dass die in Wolgograd geborene Künstlerin – anders als manche ihrer Tastenkollegen – die Näherung an diese vielschichtige Komposition nicht primär unter einem sportiven Aspekt vollzog, ihr vielmehr an einem empathischen Zugang gelegen war, der die auskomponierten Extreme wesenhaft durchdringen und die profiliert angelegten Ambivalenzen zu einer organischen Einheit führen konnte.

So fehlte es den triumphal auftrumpfenden Grandioso-Passagen keineswegs an Pathos und Durchschlagskraft. Reizvoll war es aber zu hören, wie Nikolai diesen Klang­eruptionen auch eine sensible Emotionalität aufzuprägen vermochte. Umgekehrt erlebten die Hörer den Gestus der lyrisch-transzendenten Abschnitte eben nicht nur als klangliche Verklärtheit, sondern mit bitter-süßem Schmelz überzogen, der als Reminiszenz an das schicksalhafte Ringen gedeutet werden konnte, wie es Liszt der rund halbstündigen Großform etwa mit dem energischen Sprung- oder dem aufgewühlten „Hammerschlag“-Motiv“ einverleibt hatte.

Dasselbe tiefe Eindringen in die weit gespannte Gefühlswelt der Romantik beherrschte auch Nikolais Vortrag von Liszts „Vallée d‘Obermann“ aus dem Schweizer Teil der „Années de Pèlerinage“. Vom „Kultbuch“ seiner Zeit, dem Briefroman „Obermann“ des französischen Schriftstellers Etienne-Pivert de Senancourt inspiriert, entspricht Liszt den literarischen Stimmungen mit empfindsamen Espressivo- und Dolcissimo-Passagen ebenso wie mit heftigen musikalischen Gefühlsausbrüchen. Auch hier gelang es Nikolai, mit einem sich intensivierend ausweitenden Klangraum den komponierten Gegensätzen Stringenz und Kontinuität zu verleihen, ohne die Breite der Ausdruckspalette zu nivellieren.

Fiebrig, ekstatisch vibrierend, den Klang an die Schwelle zum energetischen Zustand führend, verhalf die Pianistin Alexander Skrjabins spätem Tongedicht „Vers la flamme“ zu allen Ehren. Dass sie zum Werk dieses Komponisten, dem auch der Zugabenteil gewidmet war, eine besondere Affinität verspürt, war schon bei ihrem Kirchheimer Debüt im Rahmen der „Tasta-Tour“ anno 2002 offensichtlich gewesen. Auch Natalia Nikolais jüngst erschienene, von der Kritik gefeierte Einspielungen der Skrjabinschen Préludes zeugen von einer authentischen Lesart, die dem Hörer diesen am fragilen Scharnier des Fin de Siècle angesiedelten Klangkosmos neu eröffnen kann.

Und zwischen all diesen Spannungen und Abgründen ein Werk von klassischem Ebenmaß: Mozarts Klaviersonate in A-Dur KV 331. Des sich in sechs Variationen fortschwingenden Andante-grazioso-Themas, vor allem aber des berühmten Rondos „alla turca“ wegen, gehört die Sonate zu den bekanntesten Schöpfungen des Wiener Meisters. Auch wenn die Pianistin die sechste, mit Allegro bezeichnete Variation des Kopfsatzes schon ein wenig zu sehr als vorgezogenes Presto-Finale zu behandeln schien, kam in ihrem Vortrag stets die heitere, noble Dezenz einer Musik zum Tragen, deren Empfindungswelt keineswegs enger als die der Romantiker ist, die jedoch ohne existenzielle Ausbrüche auskommt.

Ein künstlerisch reicher Klavier­abend, der den Hörern sicher noch lange im Gedächtnis bleiben wird.