Kirchheim

Neuer Glanz auf alten Fenstern

Martinskirche Am Tag des offenen Denkmals haben Kirchheimer die Farbenpracht der restaurierten Glasfenster im Chorbereich bewundert. Von Andrea Barner

Blitzsauber erstrahlen die Fenster der Martinskirche jetzt. Eine der Scheiben (Bild unten) zeigt die Kirchheimer Emil Helfferich
Blitzsauber erstrahlen die Fenster der Martinskirche jetzt. Eine der Scheiben (Bild unten) zeigt die Kirchheimer Emil Helfferich und Theodor Hecker, aus deren Nachlass 1903 die Glasmalereien links und rechts vom Mittelfenster finanziert wurden.Fotos: Andrea Barner

Das Wetter am Sonntag spielt mit und lässt die Kunstwerke im richtigen Licht erscheinen, sie leuchten und strahlen regelrecht. Die Besucher recken die Hälse: Zu sehen sind biblische Motive, die sich vielen erst richtig erschließen als Pfarrer Jochen Maier sie erklärt. Neu sind sie nicht, jetzt allerdings tiefengereinigt und ebenso fachgerecht wie zeitgemäß eingebaut.

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Und das war mehr als nur eine Fensterputzaktion. Die drei großen bemalten Fenster stammen aus den Jahren 1883 beziehungsweise 1903, im Vergleich zu anderen Kirchen sind sie also noch gar nicht so alt. Doch mehr als 50 Jahre sind vergangen, seit sie zum letzten Mal restauriert wurden. Die Firma Rothkegel aus Würzburg hat mehr als ein Jahr daran gearbeitet. Jede einzelne Scheibe haben die Restauratoren aus ihrem alten Rahmen gelöst und neu gefasst. „Wir haben auch Risse geklebt und kleine, abgesprungene Stellen ergänzt“, beschreibt Matthias Rothkegel die mühevolle Detailarbeit seiner Mitarbeiter. Die Reparaturen sind mit bloßem Auge und vor allem auf die Entfernung nicht zu erkennen.

Ein dickes Lob vom Fachmann für die Kirchenverantwortlichen: Sie haben sich „nicht an unbedeutenden Kleinigkeiten verkünstelt“, so Rothkegel und meint damit zum Beispiel das aufwendige Nachstricheln kleinster Ornamente, „sondern Sie haben sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentriert“. „Hier waren vorher Schutzgitter außen, das hatte den Vorteil, dass die Scheiben vor Vandalismus geschützt waren. Eine Schutzverglasung gab es bisher innen.“ Die Fenster sind jetzt von außen mit klarem Sicherheitsglas samt UV-Filter geschützt. Und ein ganz schmaler Spalt zum Originalglas sorgt für Belüftung. Die Restaurierung hat eine sechsstellige Summe gekostet. Veranschlagt waren 200 000 Euro, die laut Rothkegel in der Endabrechnung eher unterschritten werden.

Auch die Maltechnik verdient Beachtung. In allen drei Fenstern haben die Künstler von damals überwiegend durchgefärbtes Glas verwendet. „Teilweise sind es aber auch farblose Gläser nur mit einem feinen Farbüberzug. Das bietet die Möglichkeit, die dünne Schicht wegzuätzen, um einen Verlauf hinzubekommen.“ Der Restaurator erklärt: „Hier wurde meistens mit Schwarzlot gearbeitet, das ist eine Mischung aus Blei und gemahlenem Glas.“ Damit haben die Künstler Konturen auf die Gläser gebracht, etwa Rüschen, Falten und Schattierungen. Alles eine Frage des Know-how. Deshalb studieren die Glasrestauratoren von heute in Bachelor- und Masterstudiengängen.

Leben Jesu in Bildern

Mindestens genauso wie für die technischen Details interessieren sich Besucher für die dargestellten Szenen auf den Fenstern. Biblische Motive natürlich, im Mittelpunkt steht Jesus Christus und sein Leben von der Geburt bis zur Himmelfahrt. Um die Feinheiten zu erkennen, muss sich der Betrachter viel Zeit lassen, vielleicht sogar ein Fernglas mitbringen oder die Scheiben mit der Kamera heran- zoomen. Pfarrer Maier zeigt den Besuchern einige Besonderheiten. Zum Beispiel bei der Abendmahlszene ganz rechts den Verräter Judas Ischariot, dargestellt mit leuchtend rotem Haar. „Das soll ganz klar das Anders- oder Fremdartigsein zum Ausdruck bringen.“ Auffallend oft werden Kinder dargestellt, auch der zwölfjährige Jesus ist zu sehen, als er gerade mit den Gelehrten in einem Tempel diskutiert. Jochen Maier hat eine Broschüre mit den wichtigsten Details herausgegeben.

Während im Chorraum hinter dem Hauptaltar die edlen Fenster studiert werden, zieht es am anderen Ende des Kirchenschiffs viele zum Kirchturm, der erklommen werden darf. Die Architekten des Büros Bankwitz informieren über die Sanierungsabschnitte von Dach und Fassade. „Die Renovierung der Kirche ist ein langer Prozess“, erklärt Jochen Maier. Die Fenster gehören noch zur Fassadengestaltung, wirken aber gleichzeitig schon auf den Innenraum, der als nächstes in Angriff genommen wird. Großbaustelle Martinskirche, eine wichtige Station am Tag des offenen Denkmals in Kirchheim.