Lokale Kultur

Nicht nur gescheiterte Hoffnungen

NÜRTINGEN Unter dem Titel "53,8: 53,8" ist derzeit eine Ausstellung im Schauraum des Kulturvereins ProVisorium in Nürtingen zu sehen. Der Auseinandersetzung mit

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HEINZ BÖHLER

dieser an den Zentralsaal der Stadthalle K3N angeschlossenen Räumlichkeit, hat sich der Kirchheimer Künstler Steffen Schlichter auseinandergesetzt und präsentiert dort bis zum 30. September, was dabei he-rausgekommen ist.

Man stelle sich einen mittelständischen Handwerksbetrieb vor, der wie so viele andere aus irgendwelchen Gründen seine Tätigkeit beendet. Übrig bleiben häufig leere Räume, gescheiterte Hoffnungen und eine Menge Restmaterialien, die zu nichts mehr zu taugen scheinen. Nicht so, wenn der 37-jährige Kirchheimer Steffen Schlichter davon erfährt. So sicherte er sich vor einiger Zeit die Restbestände einer alten Schreinerei und kam mit 286 rechteckigen Reststücken unterschiedlichst furnierter Spanplatten nach Nürtingen, um dem Boden des völlig unregelmäßig geformten Raumes in den Katakomben der Nürtinger Stadthalle einen "neuen" temporären Belag zu geben. Das Ziel war, mit einer gegebenen Menge unveränderten Materials Bretter, deren Gesamtfläche der errechneten Bodenfläche des Schauraumes entspricht die vorhandene Fläche so abzudecken, dass eine möglichst große Annäherung an ein errechnetes Optimum erreicht wird.

Das Ergebnis ist verblüffend: Eine Art Mosaik, in dem die unterschiedlichsten Farben und Größen der einzelnen Teile scheinbar beliebig zusammengefügt sind. An wenigen Stellen scheint der graue Estrich in Stecknadelkopfgröße bis zu den Ausmaßen eines Vesperbretts durch. Man kann sich auf Anhieb nicht vorstellen, dass die rund 20 Bretter, die auch nach mehrmaligen Versuchen des immer wieder neu und besseren Verteilens übrig und auf der Fläche liegengelassen sind, der Summe dieser unscheinbar wirkenden grauen Restfläche entsprechen.

Um gerade diese Wirkung aber geht es Steffen Schlichter mit seiner Arbeit. Die Diskrepanz zwischen der messbaren Wirklichkeit und dem menschlichen Wahrnehmungsvermögen im Umgang mit sinnlich empfangbaren Informationen, will er dem Betrachter nahe bringen. Die Auseinandersetzung mit Raum und Fläche fällt, so sein Credo, dem Menschen nicht signifikant leichter, als wenn es sich um Festplattenpartitionen und Dateimengen geht. Man findet sich in der Situation des "alten Adam" wieder, wie sie der Philosoph Günther Anders in seinem Buch von der "Antiquiertheit des Menschen" auf die heutige Zeit projiziert wissen wollte.

Wer sich die Installation von Steffen Schlichter einfach ansehen möchte, ohne sich dazu mit einem kulturphilosophischen Ansatz zu belasten, dürfte an der Spannung, die zwischen der so entstandenen Palette überwiegend warmer Naturfarben und dem immer noch klirrend kalt wirkenden Weiß der hochstrebenden Wände und Decke des Schauraums immer noch genügend Reizmomente finden, die einen Besuch der Ausstellung lohnen. Geöffnet ist der Schauraum donnerstagabends und während der ProVi-Veranstaltungen im Zentralsaal.