Lokale Wirtschaft

Nina ist glücklich über den Lehrvertrag als Malerin

Ein außergewöhnliches Netzwerk aus Kirchen, Kindergärten, Altenhilfe, Paracelcus-Krankenhaus, Stadtverwaltung, Sportverein und einem Jugendmigrationsdienst verhilft arbeitslosen jungen Menschen unter 25 Jahren in Ostfildern im Projekt "Sprungbrett" zu einem Ausbildungsplatz. Träger ist der Kreisjugendring KJR Esslingen.

RICHARD UMSTADT

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OSTFILDERN Nomen est omen: Das Projekt Sprungbrett katapultierte Nina Grassl in einen Ausbildungsplatz im Paracelsus-Krankenhaus in Ruit. "Das war das Beste, was mir passieren konnte", freute sich die 20-Jährige. Mit dem Lehrvertrag für eine Maler- und Lackiererausbildung in der Tasche startet sie am Montag frohgemut ihren ersten Berufsfachschultag.

Nina ist eine von insgesamt 21 männlichen und weiblichen Projekteilnehmern, wobei die meisten aus russlanddeutschen Familien stammen. Die 20-Jährige war drei Monate arbeitslos. Davor jobbte sie in einer Werbeagentur und anschließend absolvierte sie ein Praktikum als Raumausstatterin. Im März erhielt sie vom Jobcenter Esslingen die Adresse des Projekts "Sprungbrett".

Das Projekt richtet sich an junge Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die Schwierigkeiten haben, im ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. Angestoßen wurde "Sprungbrett", das im April anlief, von der Esslinger Bundestagsabgeordneten Karin Roth, SPD. Sie ging mit ihrer Idee auf den Kreisjugendring zu und der wiederum nutzte seine Verbindungen, um ein nicht alltägliches Netzwerk zu schaffen. "Es war für alle Beteiligten nicht ganz selbstverständlich", sagte KJR-Geschäftsführer Kurt Spätling bei der Pressekonferenz gestern im Paracelsus-Krankenhaus Ruit. "Auch für den Kreisjugendring ist die Arbeitsvermittlung zunächst keine originäre Aufgabe."

Kurt Spätling betrat ebenso Neuland wie sein Kollege Ralph Rieck, Leiter der Kinder- und Jugendarbeit in Ostfildern. "Uns bewegte die Motivation, etwas an der elenden Situation vieler Jugendlicher in Ostfildern zu ändern", so Rieck. Er und sein Mitstreiter Gerhard Bauer hatten duch ihre mobile Jugendarbeit den Vorteil, den betroffenen Personenkreis gut zu kennen. Jetzt mussten sie nur noch geeignete Partner finden, um das Netzwerk aufzubauen. Ganz konkret ging es um Arbeitsgelegenheiten und Praktikumsplätze. Diese werden von der Bundesregierung ein halbes Jahr lang bezuschusst.

Das Besondere an Sprungbrett ist das breite, vielfältige Netzwerk. Wie Rieck sagte, arbeitet ein junger Mann zum Beispiel beim TSV Scharnhausen und hilft dem Platzwart, im Haus für Kinder im Scharnhauser Park unterstützt eine junge Frau das ehrenamtliche Küchenteam, auch in der evangelischen Kirchengemeinde geht eine junge Frau der Mesnerin zur Hand. "Unser wichtigster Partner aber ist das Paracelsus-Krankenhaus."

"Etwas widerstrebend" sei er an das Projekt herangegangen, gestand Matthias Sendelbach, Leiter der Personalabteilung des Ruiter Krankenhauses. Da die jungen Leute aber begleitet und betreut werden, habe er zugestimmt. Der Technische Betriebsleiter der Klinik, Dieter Kessler, nahm sich der jungen Menschen an, "es gab nie Probleme". Das Paracelsus-Krankenhaus ist in Ruit mit fast 800 Beschäftigten nicht nur der größte Arbeitgeber, sondern auch der größte Ausbildungsbetrieb mit über 100 Lehrstellen. Dieter Kessler kommt aus dem Deutschen Entwicklungsdienst und ist als Ausbilder ein alter Hase.

"Am Anfang war die Skepsis groß", wusste auch MdB Karin Roth. Inzwichen ist die der Freude über die positiven Ergebnisse des Projekts gewichen. Nach dem erfolgreichen Start in Ostfildern könnte sie sich im Landkreis Esslingen "viele Sprungbretter" vorstellen. Es gelte, die Potenziale der jungen Menschen zu entdecken und richtig zu steuern. Wichtig für die Arbeitgeber sei auch die Erfahrung, nicht alleingelassen zu werden. "Es gibt jemand, der die jungen Leute unterstützt und betreut."

Kurt Spätling griff den Wunsch der Abgeordneten auf und informierte darüber, dass sich ein weiteres Sprungbrett für Kirchheim in Vorbereitung befindet, in das das Spätaussiedlerwohnheim mit einbezogen werden soll. Auch in der Teckstadt könne er sich ein breites Netzwerk vorstellen, das an das Jugendhaus Linde und das Bürgerbüro angebunden werden könnte. Über den Start in Kirchheim müsse allerdings noch die Trägerversammlung entscheiden. Das Ruiter Projekt sei nicht so einfach übertragbar. Aber auch in Kirchheim wird es darum gehen, über Praktikumsplätze die Hürde der jungen Menschen abzubauen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Schritt zu fassen.

"Wir machen ernst. Das ist keine Warteschleife wie das Berufsvorbereitungsjahr", wies Ralph Rieck auf die Praktikumsanforderungen hin, schließlich sollen die Arbeitsfähigkeit entwickelt, die Arbeitshaltung positiv gefördert sowie die Gepflogenheiten des deutschen Arbeitsmarktes transparent gemacht werden.

Von den 21 Projektteilnehmern musste nur einem wegen Drogenproblemen die "rote Karte" gezeigt werden. Eine junge Frau sprang ab, weil sie heiratete, eine andere wurde in die Berufsschule vermittelt und der weitere schulische Weg abgeklärt und eine weitere begann ein Freiwilliges Soziales Jahr als Vorpraktikum für die Erzieher- beziehungsweise Kinderpflegerin-Ausbildung. Ein Teilnehmer schaffte ebenso wie Nina Grassl den Sprung in eine Ausbildungsstelle. Er lernt Elektroniker.

pm