Lokale Wirtschaft

Oettinger: " Die Politik ist schwächer als Sie glauben"

Kontakte sind im Geschäftsleben Gold wert, das wissen auch die Esslinger Wirtschaftsjunioren. Diesmal haben ihnen die Kontakte sogar dabei geholfen, einen prominenten Gast in die Stadt zu holen. Am Montagabend diskutierte Ministerpräsident Günther Oettinger mit den jungen Unternehmern und Führungskräften.

KORNELIUS FRITZ

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ESSLINGEN Die Verbindung zu dem CDU-Politiker stellte Torsten Leithold von den Esslinger Wirtschaftsjunioren her. Dieser ist Geschäftsführer einer Berkheimer Steuerberatungskanzlei, die zu der Unternehmensgruppe gehört, die von Günther Oettingers Vater gegründet wurde und in der früher auch der Ministerpräsident gearbeitet hat.

Doch nicht nur aus diesem Grund wurde der Auftritt, der mit halbstündiger Verspätung begann, zu einem Heimspiel für den Politiker. Denn rasch zeigte sich, dass die Gastgeber und ihr prominenter Gesprächspartner inhaltlich nicht allzu weit auseinander lagen. Gleich mehrfach fiel der Satz "Da rennen Sie bei mir offene Türen ein", und wenn Kritik laut wurde, so galt sie nicht der CDU: "Diese Frage sollten Sie vielleicht lieber einem SPD-Politiker stellen", konterte Oettinger, als Moderator Cornel Pottgiesser über zu starre Regeln beim Kündigungsschutz nörgelte.

Weil die Fragen zahm blieben, übernahm der Ministerpräsident die Rolle des Provokateurs eben selbst. Schon in seinem Eröffnungsreferat teilte er aus, als er den Führungskräften indirekt vorwarf, zu weit von der Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen entfernt zu sein: "Sie führen morgens Gespräche mit Geschäftsführern, kaufen mittags bei Breuninger ein und gehen abends ins Fitnessstudio", sagte Oettinger und warnte vor einer sektoralen Spaltung der Gesellschaft.

Auch in der anschließenden Diskussionsrunde gab es kleine Seitenhiebe gegen die Wirtschaftsvertreter, die sich seiner Meinung nach zu wenig in der Politik einbringen: "Wenn Sie die wirtschaftsunfreundliche Politik kritisieren, reicht es nicht, dass Sie auf der Zuschauertribüne sitzen", sagte Oettinger und hatte für jeden Teilnehmer der Diskussionsrunde auch gleich einen konkreten Vorschlag parat: "Lassen Sie sich zum Elternvertreter wählen, Sie werden Kirchengemeinderat, Sie treten in die CDU ein und er engagiert sich in der FDP."

Für Oettinger ist es der falsche Ansatz, ständig von der Politik bessere Rahmenbedingungen zu fordern: "Die Politik ist schwächer als Sie glauben." Wobei Oettinger die Leistungsfähigkeit der Großen Koalition in Berlin erst recht skeptisch beurteilt: "Bei allen wichtigen Fragen wie Gesundheit, Soziales oder Wirtschaftspolitik stehen die Positionen von CDU und SPD in krassem Gegensatz." Ein großer Wurf sei da nicht zu erwarten.

Lieber spricht Oettinger deshalb über Baden-Württemberg, wo er sich im März erstmals dem Wählervotum stellen muss. Wie erfolgreich der Südwesten sei, zeige sich daran, dass jährlich 35 000 Menschen aus anderen Bundesländern nach Baden-Württemberg kämen: "Dafür gibt es vier Gründe: die Arbeitsplätze, die Hochschulen, den Esslinger Wein und die gute Politik in Stuttgart", bilanzierte Oettinger augenzwinkernd.

Viel Prügel musste der Ministerpräsident in den vergangenen Tagen wegen seiner Äußerung über die angeblich geringere Leistung älterer Arbeitnehmer einstecken. In Esslingen äußerte er sich vorsichtiger: "Rente mit 67 macht erst Sinn, wenn es auch Arbeitsplätze für Menschen mit 62 oder 64 gibt." Wenn er aber beim Daimler vor dem Werkstor stehe, "dann sind dort alle jünger als ich". Auch hier sieht er die Wirtschaftsvertreter in der Verantwortung: "Das schafft die Politik alleine nicht."