Lokale Kultur

Ohne Anstellung, schüchtern, klein und "voller Melodien"

KIRCHHEIM "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus". Mit diesem Satz beginnt nicht nur

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ANDREAS VOLZ

Schuberts berühmtester und bedeutendster Liederzyklus "Die Winterreise". Der Satz könnte auch obwohl er aus der Feder Wilhelm Müllers stammt den Lebensweg des "jungen Tonkünstlers" Franz Schubert beschreiben: Der schüchterne, kleine Mann mit der runden Brille war immer noch ein Fremder auf dieser Welt, als er sie noch nicht ganz 32 Jahre alt bereits wieder verlassen musste.

Ohne feste Anstellung hatte er sich von seinem musikalischen Genie leiten lassen, scheinbar unermüdlich und unerschöpflich Komposition an Komposition gereiht und ein unstetes Leben geführt. Geografischer Mittelpunkt dieses Lebens war die Kaiserstadt Wien, emotionaler Mittelpunkt ein Kreis von Freunden, die ebenso lebensfroh wie künstlerisch ambitioniert waren eine Boheme im biedermeierlichen Wien. Richtig bekannt und berühmt wurde Schubert aber erst nach seinem Tod.

Im Kirchheimer Spitalkeller stand Franz Schubert jetzt gleich zweifach im Mittelpunkt einer Volkshochschulveranstaltung mit dem Titel "Fremd bin ich eingezogen". Boris Rodriguez Hauck, Schauspieler und Regisseur, gab ihm seine Gestalt zur szenischen Wiedergeburt. Der Pianist und Pädagoge Paul Ernst Knötzele übernahm die Aufgabe, Schuberts Seelenleben am Flügel zu repräsentieren. Beide Schubert-Darsteller waren mit der Mission ausgezogen, dem Publikum die Person des Komponisten näher zu bringen mit vollem Erfolg: Niemandem, der ihr Rezital-Programm erlebt, wird Franz Schubert hinfort noch gänzlich fremd sein.

Mit biedermeierlichen Kostümen, wechselnden Kopfbedeckungen und nur wenig Requisiten Brille, Schreibfeder, Schultasche, Koffer, Gehrock und Wanderstock gelingt es den beiden Künstlern, ihr Publikum in das frühe 19. Jahrhundert zurückzuversetzen. Andererseits zeigen sie immer wieder auf, wie zeitlos und modern der Komponist und seine Zeit waren. Diesen Zeitsprung vollführten sie im Spitalkeller gleich in doppelter Hinsicht: vor der Pause überwiegend durch Hinweise auf das Allgemeingültige in Schuberts Lebenszeit und nach der Pause vermehrt durch Betrachtungen des posthumen Franz Schubert, mit Zitaten aus englischen Liedtexten des 20. Jahrhunderts.

Napoleon hatte "frischen Wind und eine große Teuerung" gebracht und außerdem 1804 sämtliche demokratischen Hoffnungen zunichte gemacht, erzählt "Schubert" mit Sieben-Meilen-Stiefeln durch die Geschichte schreitend. Danach kam Klemens Wenzel Fürst von Metternich. "Er belauscht jedes Gespräch", klagt Schubert auf der Bühne des Spitalkellers. "Wir leben in einem Überwachungsstaat, dank dir, Metternich, dank dir." Wer wollte da noch die Parallelen leugnen zum 20. Jahrhundert und mitunter sogar zur Gegenwart?

"Fool on the hill": Mit diesem Beatles-Titel setzt sich "Schubert" ebenfalls auseinander und mit den Vorwürfen, die dahinter stehen. "Der ist doch ein bisschen doof, der Schubert", lautet eines der Vorurteile, gegen die sich Franz Peter Seraph Schubert nachträglich zur Wehr setzt. "Kann man doof sein, wenn man Gedichte von Schiller, Goethe, Scott, Heine, Klopstock, Matthisson oder Hölty vertont?" Eine weitere Anschuldigung kommt mit erhobenem Zeigefinger daher: "Ja, der Schubert, der versoffene Schullehrer und Musikant." Doch "Schubert" erinnert nur an das, was er nach seinem Ableben auf der künstlerischen Haben-Seite hinterlassen hat. "Hunderte von Kompositionen; das ist harte Arbeit, die zu Papier zu bringen, vom Komponieren gar nicht erst zu reden."

Kein Wunder, dass Schubert bei seiner kurz bemessenen Lebenszeit, bei seinem Arbeitseifer und bei seiner Bescheidenheit nicht dazu kommt, sich und seine Werke ordentlich zu vermarkten. Auf der Bühne wie in der Realität sorgen die "Schubertiaden"-Freunde dafür, dass Goethe einen Brief erhält, mit der Bitte, ihm eine gedruckte Liedersammlung widmen zu dürfen. "Kann ich was dafür, dass der Geheimrat nicht geantwortet hat?" fragt "Schubert" hinterher. Erst nach seinem Tod sei seine Vertonung des "Erlkönigs" dem Dichter ordentlich vorgetragen worden. "Zu spät für mich, aber nicht für die Musikverlage oder die Wissenschaft".

Unglücklich verlief Schuberts Leben auch in punkto Liebe. Es ging ihm so wie dem Helden seiner "Winterreise". Boris Rodriguez Hauck zitiert eine Aussage Schuberts über Therese Grob, eine Nachbarin, nicht hübsch, aber herzensgut und mit einer schönen Sopranstimme gesegnet: "Drei Jahre lang hoffte ich, dass ich sie ehelichen werde. Ich konnte jedoch keine Anstellung finden, wodurch wir beide versorgt gewesen wären. Sie heiratete dann nach dem Wunsche ihrer Eltern einen andern, was mich sehr schmerzte. Ich liebe sie noch immer, und mir konnte seitdem keine andere so gut und besser gefallen wie sie. Sie war mir halt nicht bestimmt."

Als einer, der nichts als brotlose Kunst ausübt, war Schubert der Konkurrenz eines bodenständigen Bäckermeisters nun einmal nicht gewachsen. Was die Liebe betrifft, war er später, auf dem Landgut von Johann Karl Graf Esterhazy, noch einmal hin- und hergerissen zwischen der Komtesse Caroline (züchtig dargestellt vom Pianisten Paul Ernst Knötzele) und dem Dienstmädchen Pepi. In einer köstlichen "Dialog"-Szene zwischen Pepi und Schubert kauft sich Boris Hauck als "Pepi" selbst den Schneid ab: Der forschen Kammerzofe weiß der schüchterne Musiker nur stotternd zu begegnen.

Dann gab es noch andere "Damen" in Schuberts Leben. In einer lauen Sommernacht hat er sich "in irgendeinem Bordell" die Syphilis geholt und anschließend fünf Jahre lang aussichtslos gegen die Krankheit gekämpft. "Hätten sie mir damals die Therese gegeben . . .", sinniert der "Bühnen-Schubert" nach seinem Tod. Im zweiten Teil des Rezital-Abends tritt dieser Tod den Komponisten rasch und zielstrebig an, mit musikalischen Zitaten wie "Ist das denn meine Straße, o Bächlein, sprich, wohin?" Mit dem "Leiermann" geht es eindeutig hin zu einem frühen Tod.

Die andere Antwort auf diese Frage zur Unsterblichkeit gab und gibt Schubert mit seiner Musik. Im Spitalkeller war dafür des Schauspielers "alter ego" zuständig, der Pianist. Immer wieder stellte Paul Ernst Knötzele am Flügel Schuberts Musik in ihren himmlischen Längen vor. Gerade mit der Schilderung der kargen und armseligen Lebensumstände, etwa als Schüler im Wiener Stadtkonvikt, kontrastierte der Vortrag von Schuberts überreicher, überströmender, lyrischer und anrührender Musik. Wenn der Abend also biografisch mit der Bemerkung "Ich, Franz Schubert, gestorben am 19. November 1828 um 3 Uhr nachmittags mit 31 Jahren" endet, dann gilt das nur für den 152 Zentimeter "großen" Menschen, nicht aber für seine innere Größe, die er auf der Bühne folgendermaßen umschreibt: ". . . wo ich doch voller Melodien bin".