Lokale Wirtschaft

Ohne Girokonto wird der Alltag zum Hindernislauf

Noch immer müssen viele Menschen auf Grund ihrer Schulden ohne Girokonto auskommen und stehen im Alltag häufig vor enormen Problemen. Darauf weist die Schuldnerberatung der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim anlässlich des Weltspartags hin.

KIRCHHEIM Bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde der Weltspartag ins Leben gerufen, um den Menschen die Notwendigkeit des Sparens näher zu bringen. Zudem war er lange Zeit auch der erste Kontakt von Kindern und Jugendlichen zur Bank. Sie lernten, dass es sich auszahlt, wenn man ein Jahr lang auf diesen Tag hinspart und für die Mühe dann zweifach entlohnt wird. Zum einen durch die Zinsen, die jedes Jahr im Sparbuch aufgenommen werden, zum anderen durch das "Geschenkle", das es gab.

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Auch heute ist Sparen noch wichtig, auch wenn der Begriff aus der Mode gekommen ist. Es ist wichtiger denn je, Kinder und Jugendliche bereits früh zu mündigem und verantwortungsbewusstem Konsumverhalten anzuregen. Dazu gehören das Sparen sowie die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben. Wie wichtig das ist, sehen die Schuldnerberaterinnen der Diakonischen Bezirksstelle in Kirchheim häufig. "Es ist bedenklich, wenn junge Menschen beim Eintritt ins Berufsleben bereits so hoch verschuldet sind, dass sie professionelle Unterstützung bei der Regulierung ihrer finanziellen Angelegenheiten brauchen."

Doch nicht nur diese Personengruppe braucht die Unterstützung der Schuldnerberatung. "Die Gründe, warum Menschen zur Beratung kommen, sind sehr vielfältig", berichten die Mitarbeiter. Sei es durch den Verlust des Arbeitsplatzes, durch Krankheit oder durch eine gescheiterte Selbstständigkeit. So unterschiedlich die Fälle sind, eine bange Frage zieht sich durch fast alle Gespräche: die Frage nach dem Girokonto. "Einige Klienten haben gar kein Konto mehr, da ihnen die Banken wegen eines negativen Schufa-Eintrags die Eröffnung eines Girokontos auf Guthabenbasis verweigern", erzählen die Schuldnerberater. Andere Klienten haben Angst, das Girokonto zu verlieren. "Wenn Gläubiger das Konto pfänden, machen die meisten Banken Druck." Sie verlangen, dass die Pfändung innerhalb von vier Wochen aufgehoben wird. Wenn dies nicht gelingt, kündigen sie die Kontoverbindung.

"Was es heißt, kein Girokonto zu haben", ist nur schwer vorstellbar", erzählen die Kirchheimer Schuldnerberater. Miete, Strom und andere Ausgaben können nicht mehr durch Überweisung beglichen werden. Nur noch teure Bareinzahlungen sind möglich. Fünf Euro für eine Überweisung sind keine Seltenheit. "Das ist mehr, als bei manch einer Bank die Kontoführungsgebühr für einen Monat kostet. So kommen nicht selten für die notwendigen Überweisungen 20 Euro pro Monat zusammen." Geld das den Klienten fehle, um über die Runden zu kommen.

Das Problem beginnt aber schon früher. Lohn- und Gehalt können nicht mehr überwiesen werden. Eine Bezahlung per Scheck oder bar ist in den wenigsten Firmen überhaupt noch möglich. Sozialämter zahlen die Gelder in Einzelfällen per Scheck aus, doch die Kosten dafür belasten die Haushalte stark. Auch die Bundesagentur für Arbeit setzt beim Arbeitslosengeld II auf bargeldlose Auszahlung. Kostenfreie Barschecks wird es nur noch für diejenigen geben, die schriftlich den Nachweis von Banken vorlegen, dass ihnen kein Konto eingerichtet wird. Ob diese Bescheinigungen von den Banken tatsächlich ausgestellt werden, ist fraglich und eigentlich vor dem Hintergrund der Mitte der 90er-Jahre von den Banken unterzeichneten Selbstverpflichtung, allen Menschen ein Girokonto auf Guthabenbasis einzurichten, unerheblich.

"So lange es aber kein Gesetz gibt, das Banken dazu verpflichtet, Girokonten auf Guthabenbasis einzurichten, wird sich an der Situation nichts ändern." Daher wünschen sich die Mitarbeiter der Schuldnerberatung, dass sich Banken und Politiker des Themas annehmen und die entsprechenden Weichen stellen.

pm