Lokale Kultur

Opulentes Mittelalter-Spektakel vor historischer Kulisse

KIRCHHEIM In Stein gemeißelt führt das griechische Wort für das unausweichliche Verhängnis "Ananke" ein in das für eine Freilichtbühne

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HEINZ BÖHLER

konzipierte Stück der Württembergischen Landesbühne Esslingen nach Victor Hugos Roman "Der Glöckner von Notre Dame". In der Inszenierung von Matthias Brenner bereicherte das opulente Mittelalter-Spektakel am Dienstag die Veranstaltungsreihe "Kunst und Kultur am Schloss" auf der Marstallwiese des Kirchheimer Schlosses.

Paris am 6. Januar 1482, die Krüppel, Bettler, Diebe und Vaganten suchen "die hässlichste Fratze" und wählen, fündig geworden, Quasimodo, den verwachsenen Glöckner der Pariser Basilika Notre Dame zum Narrenpapst. Die Kleriker fürchten die "neue Pest aus Deutschland, den Buchdruck" und auf dem Platz vor Notre Dame erfreut die junge Zigeunerin Esmeralda das Volk mit ihren Tänzen und Wahrsagereien. Von Misserfolgen in der Alchimie frustriert, packt den Dompropst Frollo eine wahnsinnige Gier nach diesem Mädchen, das den eitlen Soldaten Phöbus liebt.

Dem Bühnenbild auf der Marstallwiese zuoberst steht nicht das Kreuz, sondern der Galgen. Der Bischof lässt die Inquisitoren bedenkenlos ihr grausames Handwerk verrichten und ein eitler König spart Prozesskosten, indem er mögliche Delinquenten kurzerhand ermorden lässt. Einzig unter den Vaganten scheinen noch fest gefügte Regeln zu funktionieren.

Ein König der Diebe führt sein Volk gegen die Kirche, in der Quasimodo die von ihm aus Dankbarkeit und Liebe beschützte Esmaralda mit flüssigem Metall und auf die Angreifer herabstürzenden Balken verteidigt. Die alte Mauer, die die Wiese nach Süden abschließt, wird, wie fast die ganze Wiese in das Spiel mit einbezogen. Mönche in schwarzen Kutten huschen ebenso umher wie die Fledermäuse über ihnen. Fackeln brennen auf den Mauerzinnen und unten erfüllt sich das Schicksal, wie die von Frollo in den Stein geritzte Ananke es vorsah.

Nach Jahrhunderten, heißt es in der Romanvorlage, habe man in den Katakomben von Notre Dame zwei Skelette gefunden, die sich umarmt hielten, das einer jungen Frau und das eines Buckligen. Dessen, Quasimodos Rolle hatte in Brenners Inszenierung Roman Hemetsberger übernommen und glänzend gemeistert. Artistik und ein überzeugender Umgang mit all den körperlichen Gebrechen und deren seelischen Folgen, die die Rolle auferlegt, prägten sein Spiel. Weniger überzeugend wirkte Kristin Göpfert immer dann, wenn die Rolle einer glutäugigen Zigeunerin eine bedingungslose Leidenschaft forderte. Schön, wenn sie spottlustig mit den Passanten scherzt. Eindrucksvoll, wenn sie den ganzen Stolz ihrer Rasse den Herrschenden entgegen schleudert und den dunklen, mit finsteren Mächten verbundenen Kleriker Frollo in seine Schranken weist. Dabei bleibt sie in ihrem Hass auf den Mörder ihres Geliebten seltsam kühl. So kühl, wie sie schon als Geliebte agiert hatte. Eine umso erfreuliche Erscheinung bot Özgüt Platte als Dichter und Schwätzer Pierre Gringoire, der sich durch eine Scheinehe mit der Zigeunerin in die Gaunergilde aufnehmen lässt, denn "schöne Alexandriner bringen keine Butter aufs Brot." Mit seiner Geschwätzigkeit zieht er immer wieder den Kopf aus der Schlinge und wird sogar vom König begnadigt: "König hab ich gesagt, ja hat er gesagt."

Nicht zuletzt ihm und seiner pfiffig bis drollig ausgeführten Rolle ist es zu verdanken, dass sich die Vorstellung der unausweichlichen Bestimmung nicht auf das Publikum überträgt, oder dass es zumindest durch seine Anspielungen auf höchst moderne Zustände irgendwie aufgelockert wird.

Herauszuheben wären noch Stefan Fent, der dem Phöbus alles Licht, aber auch den Schatten verlieh, deren diese Figur bedurfte und vor allem Ulf Deutscher, der die zerrissene, von Genie und Wahnsinn geprägte Gestalt des Frollo nicht nur zu gestalten, sondern auszufüllen verstand, gipfelnd in jenem Satz, der auch von der Ananke-Besessenheit geprägt ist: "Wie soll man anhalten auf dieser schrägen Bahn zur Hölle?"