Lokale Kultur

Oratorium mit historischen Instrumenten

WEILHEIM Für viele Musikliebhaber gehört das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach zum alljährlichen Konzertritual, um sich so auf das nahende Christfest einzustimmen. Doch dies war nicht der alleinige Grund, warum die Weilheimer Peterskirche bis auf den letzten Platz ausverkauft war. Kantor Wolfgang Beck wartete dieses Jahr mit etwas ganz Besonderem auf. Das Orchester spielte im Originalklang mit

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PATRICK TRÖSTER

historischen Instrumenten: Mit Naturtrompeten, fellbespannten Kesselpauken, hölzernen Traversflöten, fast klappenlosen Barockoboen, einer Violone, einer Positivorgel und barocken Geigen, Bratschen und Celli Instrumente, die landauf landab nach dreißig Jahren historischer Musikpraxis mittlerweile sich einen festen Platz im Konzertleben erobert haben.

Erster Violinist und Konzertmeister Bernhard Moosbauer stellte das Orchester, dessen Mitglieder aus dem ganzen Süddeutschen Raum angereist waren, zusammen. Doch auch die Faszination vom historischen Klangbild konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass größtenteils keine barocken Tempi gespielt wurden. Dafür war das bunt zusammengereiste Orchester über weite Strecken einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt, gut aufeinander zu hören, um sauber zusammenzuspielen. Das gelang ihm auch über weite Strecken, sieht man einmal von den technisch überforderten Trompeten ab, die in ihrer Partialtonreihe tränentreibend schwammen.

Dafür war der Chor der Peterskirche bestens für die Teile eins bis drei des Weihnachtsoratoriums gerüstet. Flockig, locker, mit frischem, geradezu leichtfüßigem Klang und hervorragender Textverständlichkeit trug die Sängerschar Chöre (textnah und ausdeutend) und Choräle (frisch und herzhaft) vor, dass es eine Wonne war. Auch das Orchester, besonders das Instrumentarium des Continuos, folgte dieser federnden Artikulation, wodurch die Durchhörbarkeit Bach'scher Bassverläufe äußerst transparent verliefen, denn der romantische Klangspeck herkömmlicher Instrumente war abgeschmolzen.

Trotz dieser Duftigkeit waren die Klangmassen des 50 Köpfe zählenden Chores für das nur 20 Mann starke Barockorchester oft zu nachhaltig, sodass viele Töne und noch mehr Feinheiten sich schlichtweg in Klangwolken auflösten. Die Besonderheiten barocker Instrumente konnten vor allem, wenn sie solistisch eingesetzt wurden, genossen werden.

Ein samtiger Traverso umglänzte zart die Arie "Frohe Hirten, eilt", zwei Oboen näselten weich und herzlich im einzigen Duett "Herr, dein Mitleid", oder der Konzertmeister verzuckerte die Alt-Arie "Schließe, mein Herze" mit nuancenreicher Artikulation. Selten aber finden Spezialisten historischer Instrumente Gleichgesinnte unter den Gesangssolisten. Wie klingt eine historisch ausgebildete menschliche Stimme?

Auch die Weilheimer Aufführung des Weihnachtsoratoriums ging hier den üblichen Kompromiss ein: modern ausgebildete Stimmen mit moderner Aussprache der altbacken-barocken Texte. Evangelist und Tenor Tobias Wall bestach vom ersten Ton an. Als Erzähler nützte er die kleinen rezitatorischen Freiheiten, den Sinn des Textes plastisch zu gestalten, und seine Arie "Frohe Hirten, eilt" gestaltete er mit mitfühlender Innigkeit.

Bassist Burkhard Seizer hatte einen schwierigeren Part. Der synkopische Schwung fehlte ihm etwas in seiner Arie "Großer Herr und starker König". Beim Duett "Herr, dein Mitleid" musste er sich dagegen etwas in der Lautstärke zurücknehmen, denn die Tragfähigkeit der Stimme der Sopranistin Christine Euchenhofer war geringer, was auch nicht mit Beimischung eines steten Vibratos ausgeglichen werden konnte.

Das berühmte Wiegenlied "Schlafe, mein Liebster" legte Ann-Katrin Naidu, Alt, in weit gezogenen Bögen an, etwas dramatische Dichte erhielt dagegen "Schließe, mein Herze". Das Weihnachtsoratorium mit Wolfgang Beck war in jeder Hinsicht ein Erlebnis. Der herzliche Beifall des Publikums in der Weilheimer Peterskirche war von großer Anerkennung geprägt, denn gerade eine historisierende Aufführung besitzt Eigenheiten, die der Kantor immer zugunsten bester Musikalität löste.