Lokale Kultur

Parallelgesellschaft hütet streng moslemische Traditionen

KIRCHHEIM Mutig hat die studierte Soziologin Necla Kelek, eine Türkin mit deutschem Pass, das brisante Thema der Zwangsheiraten

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RENATE SCHATTEL

aufgegriffen, zu denen junge türkische Frauen und Männer in Deutschland gedrängt werden. Ihre fünfzehnjährige Feldforschungsarbeit schlug sich nun in ihrem Buch "Die fremde Braut" nieder, aus dem sie in der Kirchheimer Buchhandlung Zimmermann vorlas.

Geschäftsführerin Sibylle Mockler stimmte mit nachdenklichen Fragen auf das Thema ein: "Integration ist für die Gesellschaft heute ein wichtiges Thema. Aber wird von den hier lebenden Türken Integration überhaupt gewollt, wie steht es um die Chancen der türkischen Kinder auf dem Arbeitsmarkt?" Necla Kelek berichtet in ihrem Buch über ihre eigene Geschichte, ihre Kindheit in Istanbul und ihre Jugend in Deutschland.

Sie analysierte die Ursachen der türkischen Parallelgesellschaft in Deutschland, ist dafür in Moscheen gegangen, hat mit den "Importbräuten" gesprochen und mit deren Schwiegermüttern, die die Drahtzieher der Zwangsheiraten sind. Ihr Resultat aus eigenem Erleben und streng wissenschaftlicher Forschung mündet in eine Gesetzesinitiative, Zwangsheiraten unter Strafe zu stellen.

"Istanbul war 1963 noch frei von Fundamentalisten. Die Türkei war mit uns auf dem Weg nach Amerika", beschreibt Necla Kelek das Freiheitsgefühl ihrer Kindheit. Es gab kaum Moscheen, der Religionsunterricht wurde von staatlichen Religionslehrern an der Schule gehalten. Die Türkei war ein aufgeschlossenes Land. Fünf Jahre später fand sich Necla Kelek in einer deutschen Kleinstadt wieder. Sie wohnten in einem heruntergekommenem Haus, in das kein Pfennig für die Renovierung gesteckt wurde, weil alles Geld für die Rückkehr in die Türkei gespart werden sollte.

Erst unter großem Leidensdruck konnte sich Necla im Gymnasium eine solide Schulausbildung erarbeiten. Ihre gleichaltrigen Mitemigrantinnen verdienten schon lange und warteten auf den wichtigsten Augenblick in ihrem Leben: die Heirat. Und diese, so Kelek, werde von der Kaynana, der Schwiegermutter, arrangiert. Damit die deutschen Türken ihre moslemischen Traditionen und ihr Familiengeflecht bewahren können, werden für die jungen Männer Mädchen aus den türkischen Herkunftsdörfern ausgesucht. Diese, so die Soziologin, gelten als rein, während die deutschen Mädchen, aber auch die in Deutschland aufgewachsenen Türkinnen, als unrein gelten und völlig indiskutabel für eine Ehe sind, schon allein deshalb, weil sie nicht so fügsam und willenlos sind.

Anschaulich schildert Necla Kelek in ihrem Buch die Brautwerbung der Schwiegermutter in einem kleinen anatolischen Dorf. Geld wechselt den Besitzer und ein Mensch auch. Sind die jungen Bräute dann in der Emigrantenfamilie angekommen, dienen sie hingebungsvoll der Schwiegermutter und der weiteren Verwandtschaft. Deutsch lernen sie nicht, Kontakte nach außen gibt es keine. Die Kinder der jungen Generation lernen dann erst im Kindergarten die deutsche Sprache. Sorgsam wird in den Familien darauf geachtet, die Mädchen und Jungen nicht an "Die Deutschen" zu verlieren.

In angeregter Fragestunde im Anschluss an die Lesung machte Necla Kelek deutlich, dass die türkische Parallelgesellschaft in der neuen Heimat moslemische Traditionen viel strenger lebe als in ihrem eigenen Land, aus Angst, sie zu verlieren. Der Fundamentalismus nehme immer mehr zu. "Im Islam gehört der Mann nicht sich selbst, er gehört der Familie. Die Frau hingegen gehört dem Mann", erklärte sie die Grundstrukturen. Zuhause habe die Mutter das Sagen, für "draußen" sei der Mann zuständig, Kinder könnten nicht für sich selbst entscheiden.

Die Migranten hätten den europäischen Individuationsprozess nicht miterlebt und könnten ihn nicht nachvollziehen. Der Kreislauf der Festigung der Traditionen gerade durch Zwangsheiraten müsse durch deutsche Gesetze unterbunden werden, um Integration zu erreichen, aber auch, um den Kindern ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit nach den Werten der Grundrechte zu ermöglichen. Die bisherige Toleranz der türkischen Parallelgesellschaft gegenüber sei wertlos.