Lokale Kultur

Parfums, Peinlichkeiten, poetische Potenz und "Borat"

KIRCHHEIM Die drei wohl meist diskutierten aktuellen Filmereignisse haben auch Kinogänger in Kirchheim polarisiert. Das wochenlang immer wieder neu aufgelegte "Parfum" hat sich naturgemäß längst wieder etwas verflüchtigt und keine

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WOLF-DIETER TRUPPAT

bleibenden Schäden verursacht. Für erhitzte Diskussionen sorgen zweifellos der von einem Golden Globe als "Beste Komödie" verschont gebliebene "Borat" und ganz besonders auch der aktuell auch in Nürtingen angelaufene Film "Mein Führer".

Dass es neben dem Original-Parfum, das schon vor über zwei Jahrzehnten für Furore sorgte, punktgenau auch ein schön bebildertes Buch zum Film gibt, erscheint hier wichtig und richtig. Bei Dani Levys peinlicher Posse mit der sich "Katzeklo"-Sänger Helge Schneider inzwischen auch nicht mehr so richtig identifizieren will scheint das bereitgehaltene "Buch zum Film" genauso fragwürdig und unnötig wie der skrupellos mit Originalmaterial verschnittene Streifen selbst.

Bei "Borat" ist ein nachgereichtes Buch zum enorm für Furore sorgenden Filmskandal extrem unwahrscheinlich. Hauptdarsteller Sacha Baron Cohen, der für seine zuweilen mit Untertiteln und schwarzem Sichtschutz überlagerten schauspielerischen Leistungen im kalifornischen Beverley Hills einen "Golden Globe" entgegennehmen durfte, dankte bei der Feier nicht "Mom, Dad und einem fantastischen Team", sondern sinngemäß vor allem allen Amerikanern, die ihn bislang noch nicht verklagt haben. Doch der Reihe nach.

Bernd Eichingers Kampf, der fast schon heroische Dimensionen annahm, hat sich zweifellos gelohnt. Seit Patrick Süskinds "Geschichte eines Mörders" 1985 im renommierten Schweizer Diogenes Verlag erschien, bemühte sich der Produzent und Drehbuchautor so unermüdlich wie hartnäckig um die Filmrechte des Bestsellers "Das Parfum". Genauso konsequent verweigerte sich freilich der vermutlich wie viele andere von der Unverfilmbarkeit seines Geniestreichs überzeugte Autor allen Angeboten.

Erst im Jahr 2001 gelang es Bernd Eichinger endgültig, sich die Rechte eines der berühmtesten und meistgelesenen deutschen Romane zu sichern. Im Juli 2005 und damit genau 20 Jahre nach Beginn des alle Sinne sensibilisierenden Sensationserfolges, begannen die von vielen voller Skepsis begleiteten Dreharbeiten. Das immer wieder in brillanten Bildern schwelgende und auch Details größte Aufmerksamkeit schenkende opulente Kinoereignis des vergangenen Jahres ist trotz Längen künstlerisch und vor allem auch handwerklich durchaus gelungen was für eine rund zehnwöchige Laufzeit im Central beziehungsweise Tyroler in Kirchheim sorgen konnte.

Wer das Buch von Patrick Süskind kennt, hat seine unauslöschlichen eigenen Vorstellungen parat, anerkennt aber sicher die von Regisseut Tom Tykwer und seinem Team erbrachte Leistung. Wer Süskinds pralle Erzählung nicht kennt, lässt sich vielleicht einfangen und begeistern, kann bei der nachträglichen Lektüre des betörenden Klassikers die durch die Verfilmung vorgegebenen Bilder und Stimmungen sicher nie wieder völlig ausblenden.

Die Renaissance, die das betagte Buch nach der Verfilmung erlebte, überrascht nicht. In gerade einmal dreieinhalb Monaten wurde es beispielsweise in einer Kirchheimer Buchhandlung mehr als doppelt so oft verkauft, wie in den beiden vorausgegangenen Jahren. Dass das vom Diogenes Verlag eigens herausgebrachte und liebevoll bebilderte "Buch zum Film" vollkommen ignoriert und stattdessen praktisch ausschließlich zum hoch gelobten Original gegriffen wurde, wird Bernd Eichinger sicher nicht als persönlichen Erfolg verbuchen wollen.

Der derzeit ebenfalls höchst kontrovers diskutierte und aktuell auch in Nürtingen angelaufene Film "Mein Führer" bringt mit seinem Untertitel "Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" die zu erwartende "Seriosität" schon erfreulich offen auf den Punkt. Wenn dieser unfreiwillige Warnhinweis erkannt wird, müssten diese "Bücher zum Film" eigentlich wie Blei in den Regalen liegen. Von möglichen Überlegungen, diesen Film gleich im Klassensatz zu besuchen, muss freilich abgeraten werden. Dafür gibt es bessere Alternativen.

Der aberwitzige Versuch, sich dem Thema "Hitler und seine Folgen" mit Mitteln fragwürdigen "Humors" zu nähern, kann eigentlich nur scheitern. Da braucht es schon "Ein Wunder von einem Film", wie der Kulturreport aus München einst das wohl von niemand für möglich gehaltene Meisterwerk apostrophierte, das Roberto Benigni und Vincenzo Cerani drei Oscars einbrachte. Gemeint ist die anrührende, zur Tragödie sich wendende märchenhafte Liebesgeschichte "Das Leben ist schön".

Die vor genau zehn Jahren in die Kinos gekommene Tragikomödie über das Schicksal einer Familie im Konzentrationslager wurde bei den Europäischen Filmfestspielen in London als "bester Europäischer Film 1998" und im selben Jahr in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. In dem im Suhrcamp-Verlag erschienenen "Buch zum Film" steht zu lesen, dass dieses ungemein unter die Haut gehende Werk "auch in Israel höchstes Lob und einen Preis des Jerusalem-Film-Festivals" einspielte.

Der bis Donnerstag im Kirchheimer Stadtkino gespielte und jetzt neu in den Weilheimer Schlosslichtspielen angelaufene Film "Borat" macht es schwer, klar Stellung zu beziehen. Britischer Humor genoss schon immer Narrenfreiheit. Was dem Publikum hier allerdings zugemutet wird, lässt die "Monthy Python"-Truppe wie um politische Korrektheit bemühte Klosterschüler erscheinen. Von "Grenzüberschreitungen" kann kaum die Rede sein, denn praktisch alles spielt sich jenseits seither geltender Regeln ab. Das gilt ganz besonders für den Umgang mit der Wahrheit, das gilt aber auch für den Umgang mit Randgruppen, mit Minderheiten, mit Behinderten, mit Andersdenkenden und nicht zuletzt mit Frauen.

"Borats" kompromisslose Skrupellosigkeit baut noch nie dagewesene Hürden auf, die es sehenden Auges zu überspringen oder aber konsequent zu unterlaufen gilt. Beim absolut unbarmherzigen Anziehen der Daumenschrauben ist ihm jedes Mittel recht und drohende Millionenklagen in zweistelliger Höhe sind der Preis, die dem extrem polarisierenden Humor-Anarchisten drohen.

Skrupelresistenteste Schläge in alle Richtungen haben Sacha Baron Cohen enorme Anfeindungen und Klagen, aber auch viel Applaus und einen "Golden Globe" in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller Komödie oder Musical" eingebracht. Auch wenn er in weniger als 1000 Kinos anlief, spielte "Borat" bereits am Premierenwochenende 26,4 Millionen Dollar ein in den ersten zehn Tagen flossen 68 Millionen Dollar in die Kinokassen. Die Frage, ob seine "Dokumentation" über das Leben im freien Amerika und im wilden Kasachstan genial, geschmacklos oder doch etwas von beidem ist, müssen die Filmbesucher selbst entscheiden.