Lokale Kultur

Passion: Hilfe zum getrosten Sterben

Lenningen. Still und ohne Applaus verließen die rund 80 Besucher des Konzerts „O Haupt voll Blut und Wunden“ am Samstag die evangelische Nikolauskirche Gutenberg. Angesichts der ernsten Thematik hatte es sich der Kammerchor „Schola Sine Nomie“ so gewünscht. Verdient gewesen wäre ein kräftiger Beifall für das hochklassige Reutlinger Ensemble auf jeden Fall.

Peter Dietrich

Die Passionsgeschichte Jesu kann man hören und als trauriges historisches Ereignis zur Kenntnis nehmen. Oder sie zusätzlich auf das eigene Leben beziehen und eine persönliche Antwort darauf geben.

Im Kreuzhymnus „O Haupt voll Blut und Wunden“ hat der Liederdichter Paul Gerhard letzteres getan. Mit voller Konzentration widmet er sich dem geschundenen Haupt des Erlösers, das vom Tode gezeichnet ist. Und der selbst leidgeprüfte Dichter, von dessen fünf Kindern vier jung starben, stellt die Verbindung zu seinem eigenen Tod her. Seine letzten beiden Strophen, „Wenn ich einmal soll scheiden“ und „Erscheine mir zum Schilde“, wurde im Konzert erläutert, hätten schon vielen Menschen geholfen, getröstet und glaubensvoll zu sterben. „Wer so stirbt, der stirbt wohl“, schließt Paul Gerhard seinen Hymnus ab, der zum bekanntesten deutschsprachigen Passionslied wurde.

Der Hymnus zog sich wie ein roter Faden durch das Gutenberger Konzert, unter anderem in der nach ihm benannten Choralkantate von Max Reger. Die Solopartien teilten sich die ganz hervorragende Sopransolistin Tania Schneider sowie weitere Gesangssolisten des Chores. Leider war Schneiders Stimme auch bei den Chorpartien etwas zu dominant - doch damit ist bereits alles Kritikwürdige des Konzerts benannt. Chorleiter Reiner Hiby hatte sein während des gesamten, eindreiviertelstunden langen Konzerts ein vorbildlich konzentriertes Ensemble voll im Griff. Die Zuhörer wurden mit einem wunderbar geschlossenen und dynamischen Chorklang verwöhnt. Gekonnt begleitet wurde der Kammerchor von Andreas Ostheimer an der Orgel, Andreas Körber an der Oboe und Michael Speth an der Violine.

Bei den zwölf Chorälen in Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion taucht fünfmal die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ auf. In der Matthäuspassion stellen die zwölf Choräle die Antwort der glaubeneden Gemeinde dar. Um sie bei der Gutenberger Aufführung in den rechten Zusammenhang zu stellen, las Pfarrer Helmut Sobko jeweils die ihnen vorangestellten Rezitative. Ähnlich ergreifend wie die Aufführung des Bach‘schen Werkes war die Wirkung des von Chor und Orgel präsentierten Passionsgesangs op. 46 von Josef Gabriel Rheinberger.

Wie tief eine Orgel spielen kann, schien der Komponist Arno Landmann im Verlauf seiner markanten Choralbearbeitung für Orgel solo „O Taurigkeit, o Herzeleid“ erkunden zu wollen. Sie war neben Johann Sebastian Bachs „Präludium und Fuge c-moll, BWV 546“ das zweite reine Orgelwerk des Abends. Das Vokalprogramm wurde mit Passionswerken von Franz Schubert sowie von Felix Mendelssohn Bartholdy ab gerundet. Bei Mendelssohn Bartholdys Komposition für Soli, Frauenchor und Orgel „Surrexit pastor bonus“, zu Deutsch „Auferstanden ist der gute Hirte“, strahlte hinter dem Karfreitagsgeschehen bereits der Ostermorgen hervor.

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