Lokale Kultur

Perlende Lichttropfen und gleißende Saitenstrahlen

KIRCHHEIM Ein geradezu "klassisches" Programm haben Hartmut Premendra Mayer und Michael Vogelpohl zusammengestellt: zwei ge-

Anzeige

PATRICK TRÖSTER

wichtige Romantiker umschließen einen Zeitgenossen. Vom ersten Ton an sind die beiden Musiker in ihrer Musikwelt vertieft.

Robert Schumanns drei Fantasiestücke op. 73 für Violoncello und Klavier sind auf einen großen Bogen angelegt. Das filigrane Geflecht schumannscher Parallelmelodik wird im ersten Satz, der die Überschrift "Zart und mit Ausdruck" trägt, erst gar nicht analytisch aufgedröselt, sondern aus einer einheitlichen schwärmerischen Stimmung heraus erfühlt.

Im lebhaft-leichten Mittelsatz verdichtet sich der Klang, und die der Schwerkraft entgegen aufwärts stürzenden Tonleiterketten mit der aufstrebend abwärtsgleitenden Elegie ergänzen sich durchdringend, in dem der runde Klang des Cellisten Mayer in der Tonfülle des Pianisten Vogelpohl aufgeht. Sinfonische Weiten erobern sich die beiden Interpreten im letzten Satz. Die zackigen Unisonokaskaden setzen strukturierende Akzente und führen die weit ausschwingenden feurigen Bögen zentral zusammen.

Hartmut Mayers 2004 zusammengestellte viersätzige Cellosonate beginnt historisierend mit einer Toccata, bei der über quecksilbrig-minimalistischen Cellofiguren clusterartige Klavierakkorde hinzugefügt werden. Dieser ebenso virtuosen wie hetzenden Atemberaubung folgt ein Notturno, das einem Kaktus der Königin der Nacht, die nur für einige Stunden in strahlendem Weiß nächtens erblüht gewidmet ist.

Hochkonzentriert breitet Hartmut Premendra Mayer filigran-lunare gestrichene Flageolets über samtig-gegriffene nachtblaue Bordunquartfolgen von Michael Vogelpohl aus. Der dritte Satz ist mit "Im Licht/Gebet" überschrieben und folgt nicht der Sonatentradition. Bildhaft verzahnen sich in diesem Satz pianistisch perlende Lichttropfen mit gleißenden Saitenstrahlen vor flirrendem Hintergrund. Dagegen steht das Finale mit seinen ganztonleitrigen Harmonien, der polymetrischen Rundmelodik und den auftürmenden Akkordmassen. Mit Verve genießen die beiden ihr Zusammenspiel, das von viel Erfahrung und Einverständnis geprägt ist.

Wer in der späten Cello-Sonate op. 65 in g-Moll von Frédéric Chopin einen typisch verträumt-virtuosen "Chopin" erwartet, wird überraschend enttäuscht. Allenfalls im Kopfsatz findet man dieses Klischee stellenweise bedient. Ansonsten ist sie ein zupackendes, geradezu diesseitiges Werk. Der erste Satz weist eine erstaunliche Länge auf, welche die beiden Interpreten in ihrer ganzen Komplexität mit dem reichen verschachtelten Motivschatz auskosten. Das vorgezogene Scherzo gemahnt an Bruckner, doch die beiden bleiben ihrer kammermusikalischen Sprache treu, was besonders im Trio mit seiner Chromatik und den eigentümlichen Rückungen zum Tragen kommt. Der langsame Satz erfüllt hier die Funktion der Ruhe vor dem Sturm mit vivaldesk-kurzer Prägung eine Stimmung, die sich eigentümlich mit den sich über Kirchheim auftürmenden Gewitterwolken nach dem Ausklang des Stadtfestes paart.

Die Energie dieser Sonate entlädt sich im Finale: Vor wild vom Wind gebeutelten Bäumen in der Fensterkulisse stürzen sich Hartmut Mayer und Michael Vogelpohl geradezu in die ausufernde Vitalität dieses Satzes und finden trotz der wechselnden Rhythmen, der harmonischen Veränderungen und der dynamischen Differenzierungen "ihren" Klangrausch und übergehen das Risiko, sich einander zu verschlingen, bis sich der Klang des prasselnden Regens in das befreiende Klatschen der Zuhörer mischt, auf das noch zwei erdende Zugaben von Camille Saint-Sa‰ns und Gabriel Fauré folgen.