Lokale Kultur

"Pfingsten ist des Singens und Feierns wert"

LENNINGEN Brauchen die Menschen den Pfingstmontag? Jens Wol-lenschläger beantwortete diese Frage mit einer Pfingstmusik bei der barocke Kantaten und Konzerte aufge-

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HELMUT KÖBLE

führt wurden. Bewirkt durch Chorgesang und Solostimmen, durch historische Musikinstrumente wie durch altbekannte und neue Texte erhob sich so "ein starkes Brausen, gleich einem ungestümen Winde".

Jens Wollenschläger hatte die evangelischen Kirchenchöre von Unterlenningen und Brucken sorgfältig auf dieses Ereignis eingestimmt, seiner Chorvereinigung dann kurz zuvor zwei exzellente Instrumentalgruppen hinzugetan und schon mit der Eröffnung durch eine festlich beschwingte Ouvertüre in D-Dur von Johann Sebastian Bach (1676 1749) wurde deutlich, welch glückliche Hand er mit diesen Ensembles hatte.

Die Streichergruppe war besetzt mit Bernhard Moosbauer, Christine Wieligmann, Susanne Kletzig, Violinen und Timo Habermehl, Viola. Während dieses Ensemble zuständig war für barocken Glanz, präzise und virtuose Ausschmückung war es dann eine Continuo-Gruppe, die durchgängig absolut zuverlässige Fundamentierung leistete; sie war besetzt mit Sabine Bruns, Violoncello, Ralf Zeranski, Kontrabass und Andrej Kolomiitsev am Orgelpositiv. Vollends komplettiert wurde die "Luxusbesetzung" durch die Sopranistin Wiebke Huhs und dem Bariton Jens Hamann, beide ausgestattet mit jungen Stimmen, die ihre Tonräume perfekt beherrschten und sich stets für eine ausdrucksstarke Gestaltung auch der Texte einsetzten.

Auch mit der Programmgestaltung bewies Jens Wollenschläger großes Geschick: Was auf den ersten Blick als zu lang und zu viel erschien, erwies sich dann in der Ausführung eher als kurzweilig. Dies war sicher auch darin begründet, dass die ausgewählten Titel selten aufgeführt werden und somit Neugier weckten, und dass sie sich allesamt durch wohltuende Kürze auszeichneten.

Das Grundthema des Konzerts wurde unisono angestimmt mit dem eintausend Jahre alten Hymnus "Veni creator spiritus" (Hrabanus Maurus), eindrucksvoll gesungen von Jens Hamann. Mit der folgenden fünfstimmigen Kantate von Andreas Hammerschmidt (1612 1675) wurde schnell spürbar, dass sich das Konzert mehr und mehr zu einem großen bunten Strauß entfalten würde: "Schmücket das Fest mit Maien, der Herr hat es gemacht; heut sollen wir uns freuen, er hat uns wiederbracht den Geist und neues Leben, dem wir sonst widerstreben." Wie passend dazu ein zeitgenössischer Text (Wilhelm Willms 1930 2002), gelesen von Pfarrerin Oberle: "Der Heilige Geist ist ein bunter Vogel . . ., er ist da, wo einer den anderen trägt . . ., er liebt die Fantasie, das Unberechenbare, er ist selbst unberechenbar." Das Thema wurde ergänzt mit zwei Orgelchorälen zu "Komm, Heiliger Geist, Herre Gott", beide komponiert von Lübecker Meistern wie Franz Tunder (1614 1667) und Dietrich Buxtehude (1637 1707), beide meisterlich interpretiert von Jens Wollenschläger an der Orgel. Im vierstimmigen Choralsatz "Sei Lob und Preis mit Ehren, Gott Vater, Sohn und Heil'gem Geist" für Chor und Streicher von P. H. Erlebach (1657 1714) konnte der Doppelchor dann seine Stimmenvielfalt mit Herz und Kraft einbringen.

Ein gewisser Stil- und Themenwechsel wurde danach mit drei kleineren geistlichen Konzerten für Solostimmen bewirkt: So gestaltete Jens Hamann ein "Salve coelestis pater misericordiae" von Franz Tunder sehr einfühlsam und kontemplativ; die Sopranistin Wibke Huhs interpretierte nicht weniger ausdrucksstark ein Konzert von C. L. Boxberg (1670 1729) "Herr, tue meine Lippen auf". Die Lesung hierzu von der Heilung eines Taubstummen verstärkte die gesungene Aussage: "Denn es ist kein Lobspruch da, wenn du nicht sprichst ,Hephata' tu dich auf!" Pfingstliche Hochstimmung vermittelte Wibke Huhs dann mit "Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte . . ., dass ich verkündige all sein Tun", einem Werk von Johann Rosenmüller (1619 1684). Sie wurde hierbei sehr präzise und brillant von den zwei Violinen mit Bernhard Moosbauer, Christine Wieligmann und Basso continuo begleitet.

Die gleiche Instrumentierung glänzte zuvor schon bei einem weiteren Rosenmüller-Opus, einer Kantate für vierstimmigen Chor mit dem Titel "Wahrlich ich sage euch"; der stattliche Chor meisterte auch diese Kantate, was insbesondere bei den fugalen Einsätzen große Konzentration abverlangte. Spätestens hier zahlte sich die sorgsame Einstudierung wie das sichere Dirigat von Jens Wollenschläger doppelt aus.

An den Schluss des Konzerts setzte er mit sicherem Instinkt ein Werk von Christoph Graupner (1683 1760), nämlich die Kantate "Also hat Gott die Welt geliebet" für Sopran, Bass, vierstimmigen Chor und Orchester. Das Besondere: Alle Mitwirkenden konnten sich hier nochmals voll und ganz einbringen, die Instrumentalisten mit ihrem dynamischen Spiel, der Bariton und die Sopranistin mit einem Rezitativ und einer Arie jeweils vollendet gesungen und der Chor mit Choralsätzen zum Eingang, in der Mitte und am Schluss; Choräle mit eindrücklichen Verszeilen. Eine der letzten davon bleibt sicher länger haften "Du hast mich je und je geliebt und auch nach dir gezogen". Hier schloss sich der Kreis von vielfältigen Pfingstbotschaften und ein eingangs von Pfarrerin Stierlen gelesener Text von Marie Noel hatte sich mit dieser Stunde erfüllt: "Der Wind haucht uns Gott ins Antlitz . . . die Freude kehrt alles um . . . und aus der Seele, die gestern untröstlich war, steigt das Lied unermesslicher Glückseligkeit. Dies zu vermitteln ist Jens Wollenschläger, seinen Sängerinnen und Sängern sowie seinen Instrumentalisten in dankenswerter Weise gelungen Pfingsten ist des Singens und Feierns wert.