Lokale Kultur

Plakatklebender Nachtwächter und hellwacher Musiknacht-Organisator

KIRCHHEIM Andreas Kenner ist zweifellos "ein Mann mit vielen Eigenschaften". Dass er eines Tages nicht mehr plakatieren, sondern nur noch kontemplieren will, kann man sich bei ihm schlichtweg nicht vorstellen. Nicht nur seit Jahren, sondern schon seit Jahrzehnten schreitet er Woche für Woche ehrenamt-

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lich mit Rad zur Tat, um mit Leimkübel und -bürste gewissenhaft dafür zu sorgen, dass die von ihm geklebten Plakate möglichst publikumswirksam und flächendeckend für die anstehenden Veranstaltungen des club bastion werben und entsprechende Aufmerksamkeit erregen können.

Seit über 30 Jahren gehört Andreas Kenner dem Kirchheimer club bastion an und kann sicherlich für sich in Anspruch nehmen, in über drei Jahrzehnten mehr Plakate geklebt zu haben, als irgendjemand sonst. Nachdem der plakatierende "starke Helfer" aus dem Kirchheimer Stadtbild fast nicht wegzudenken ist, gibt es immer wieder Menschen, die ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass "Anne" Kenner in dem Club, in dem er praktisch immer anzutreffen ist, auch sein Brot verdient. Dem ist aber nicht so. Die Kirchheimer Bastion und der darin untergebrachte Club haben nichts mit seinem Beruf zu tun, dokumentieren aber überdeutlich eine schon seit Jahrzehnten im Ehrenamt leidenschaftlich erfüllte Berufung.

Beruflich ist Andreas Kenner in der Altenpflege angesiedelt und damit in

O:7060503.JP_einer Ecke aufgestellt, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Auch an der sich mehr und mehr verschlankenden Basis der in Demografenkreisen immer wieder gerne hochgehaltenen Bevölkerungspyramide ist er schon seit 1992 ehrenamtlich aktiv: Als stimmgewaltiger Nachtwächter setzt er sich vehement dafür ein, dass das traditionelle Kirchheimer Laternenfest auch weiterhin eine Zukunft hat.

Vor dem stets mit großer Spannung erwarteten spektakulären Feuerwerk, mit dem der nostalgische Laternenumzug auf dem Rollschuhplatz endet, gelingt dem als nimmermüder Nachtwächter agierenden Kirchheimer "Rattenfänger" Jahr für Jahr erneut das unglaubliche Kunststück, eine Schar von Kindern, Jugendlichen und ihre Eltern mit teilweise selbst gebastelten Lampions oder "Rübengeistern" nicht nur zum Kirchheimer Rollschuhplatz zu führen, sondern mit ihnen gemeinsam auch noch sehr konventionelles und eher retrospektives Liedgut anzustimmen. Dass Kultur tatsächlich verbindet und Generations- wie auch Nationsgrenzen mühelos überwinden kann, wird an diesen Abenden überzeugend unter Beweis gestellt.

Der SPD-Stadtrat, der kommunalpolitisch bedingt den Blick immer auch in die Zukunft richten muss, hat erst in jüngster Vergangenheit vielen Menschen Einblick in eine weitere, vor allem persönlichen Freunden oder aber Anwohnern des Kirchheimer Klosterviertels bekannte Eigenschaft ermöglicht. Das Bastions-Urgestein ist nicht nur musikmachendes und -genießendes "Kellerkind", sondern auch bekennender Fußball-Fan.

Schon im Vorfeld der heranrollenden WM-Euphorie war ihm daher klar, dass kostspielige Kulturangebote nicht mit WM-Übertragungen konkurrieren dürfen. Sport- und Musikbegeisterte konnten sich daher auf dem Bastionsdach begegnen. Dank Bewirtung und erst nach dem Abpfiff der jeweiligen Live-Übertragung beginnenden Konzerten, erlebten sie gemeinsam nicht enden wollende Abende, die den wartenden Musikern oft viel Geduld abverlangten. Auch zu später Stunde verlängerte Andreas Kenner mit seinen legendären Ansagen noch zusätzlich den Fortgang der Handlung.

Seit den frühen 70er-Jahren "opfert" Andreas Kenner seine Freizeit dem club bastion und steht mit der Nominierung für den Ehrenamtspreis damit auch stellvertretend für viele andere Mitglieder, die ehrenamtlich Woche für Woche viel Zeit und Begeisterung in die Arbeit im weit über Kirchheim hinaus bekannten Gewölbekeller oder auf dem Bastionsdach investieren.

Ein äußerst aktives und dennoch von vielen Menschen in seiner Bedeutung für das Mittelzentrum Kirchheim oft unterschätzten Veranstaltungsforum kann von einem gut eingespielten Team ehrenamtlich engagierter "starker Helfer" unter immer schwerer werdenden Randbedingungen am Leben erhalten werden und einem weit in das Umland wirkenden kulturellen Aushängeschild seinen verdienten Glanz verleihen.

Dass Kultur immer auch politisch ist, hat Andreas Kenner bereits mit 16 Jahren im Bastionskeller erfahren, wo sich in den frühen 70er-Jahren Gruppen wie wie "Rettet die Altstadt", "Amnesty International", "DFG-VK", "Chile-Komitee", Arbeitskreis Behinderte oder die "Bürgerinitiative Fußgängerzone" trafen sowie die erste Kirchheimer Frauengruppe und lange bevor der "Christopher Street Day" populär geworden ist auch schon die erste Homosexuellen-Initiative der Region.

1980 und damit lange bevor andernorts von Integration gesprochen wurde, veranstaltete der club bastion eine viel beachtete Reihe zum Thema "Ausländerprobleme". In Kirchheim lebende Italiener, Griechen, Türken und Jugoslawen fanden hier ein Podium und auch für die ersten Gruppen nach Kirchheim kommender Tamilen wurde die Bastion sofort zur wichtigen Anlaufstelle.

Überzeugt davon, dass vor allem Musik Menschen unterschiedlichster Kulturen verbinden kann, initiierte Andreas Kenner gemeinsam mit Michael Holz und Thorsten Wenzel die "Kirchheimer Musiknacht", die nicht nur Jahr für Jahr in der Teckstadt viele Menschen in Bewegung setzt, sondern auch weit in die Region hinein wirkt. Mit dieser Großveranstaltung kann das oft auf seine Qualitäten als Einkaufs- und Fliegerstadt reduzierte Kirchheim immer wieder erfolgreich beweisen, dass es zweifellos auch eine mitreißende Musikmetropole ist.

Bei der aktuellen "Kirchheimer Musiknacht" im Mai waren immerhin 63 Bands an 45 Veranstaltungsorten zu hören. Peter Freudenthaler und Volker Hinkel alias "Fools Garden unplugged" sorgten vor dem Rathaus schon um die Mittagszeit für eine musikalische Ausnahmesituation, die sich im Lauf eines langen Abends enorm verschärfen und erneut Tausende von Menschen in die Innenstadt locken konnte.

Trotz schlechter Wettervorhersagen hatte Andreas Kenner sich bei dem begeisternden Auftakt die Fortsetzung konsequent schön geredet und Recht behalten. Seine um die Mittagszeit verkündete Prognose, dass "spätestens ab 17 Uhr" schönes Wetter vorherrschen wird, wurde voll erfüllt und konnte einmal mehr finanziellen Flurschaden verhindern. Ein verregneter Abend hätte für die von Michael Holz, Andreas Kenner und Thorsten Wenzler eigens für die Kirchheimer Musiknacht gegründete Gesellschaft bürgerlichen Rechts direkte Folgen für ihr Privatvermögen. Gedankt wird ihnen für diese jährlich bewiesene Risikobereitschaft immerhin von einer immer stärker anwachsenden und entsprechende Anfahrtswege in Kauf nehmenden begeisterten Fangemeinde.

Dass der nimmermüde "Nachtwächter" auch noch Stadtführungen anbietet, bei denen er mit viel Humor, Improvisationskunst und langem Atem wortreich die Reize Kirchheims vermittelt, wurde bei dem für ihn votierenden Vorschlag für den "Ehrenamtspreis 2006" gar nicht erwähnt. Die dort lapidar aufgelisteten Argumente lauteten "stadtbekannter Nachtwächter, Stimme der Bastion und Mitveranstalter der Kirchheimer Musiknacht".