Lokale Kultur

Pragmatiker, Romantiker und Weihnachtsverweigerer . . .

KIRCHHEIM Dass nach anfangs einem, am Ende dann maximal vier Lichtlein brennen, wird in der Vorweihnachtszeit noch immer hartnäckig vermittelt. Glauben kann daran freilich niemand mehr so richtig. Die sprichwörtliche Sehnsucht nach Licht in der Dunkelheit treibt längst

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wunderliche Blüten. Quantität hat wohl auch hier Qualität inzwischen weit hinter sich gelassen. Dass dadurch die Nacht zum Tage geworden ist, kann derzeit in jeder beliebigen Wohnstraße immer wieder neu erlebt werden.

Mit einer innerhalb der guten Stube ringförmig installierten, wachskerzenbetriebenen Weihnachtsbeleuchtung, die sich in wöchentlichem Rhythmus vom nachbarschaftlichen Umfeld völlig unbemerkt konsequent steigert, um dann am vierten Advent aus immerhin vier eindrucksvoll flackernden Kerzen zu bestehen, steht man gesellschaftlich schnell absolut im Abseits und ist möglicherweise auch rasch als unverbesserlicher Nostalgiker oder gar Weihnachtsverweigererverrufen.

Wer nicht schon lange vor dem ersten Advent Balkongeländer, Erker oder auch sämtliche Rollladenkästen mit Dutzenden von Lichterketten umwickelt hat, um zum ersten moralisch einigermaßen vertretbaren Zeitpunkt den Kippschalter in Position zu bringen, oder wer nicht kompromisslos bereit ist, möglichst gleich ganze Hausgiebel flächendeckend mit Hilfe von Lichtnetzen atemberaubend zu illuminieren, läuft inzwischen eindeutig Gefahr, nicht nur sprichwörtlich im Dunkeln zu stehen.

Ein mit bloßem Auge schon aus der Ferne erkennbarer und möglicherweise sogar bekennender Lichtverweigerer kann da schnell in emotional geprägte Erklärungsnöte kommen. Immerhin haben sämtliche Nachbarn lichttechnisch konsequent aufgerüstet und gegenüber dem schon gut beleuchteten Vorjahr eindeutig noch einiges draufgesetzt . . .

Der gemeinen Lichterkette folgt auf der nach oben offenen Lichter-Skala schon bald das sich vor allem durch äußerst akkurate Abstände auszeichnende artifiziellere Lichternetz. Bald darauf macht stufenlos regulierbares vorweihnachtliches Frequenzblinken an Fenstern und Fassaden auf sich aufmerksam.

War zu Beginn des eher unaufgeregt aufkeimenden Weihnachts-Deko-Fiebers noch vielen klar, dass es in hiesigen Breitengraden eigentlich nur würdiges weißes Weihnachtslicht geben kann, machte der immer intensiver boomende Lichterkettenmarkt bald eindrucksvoll deutlich, dass auch weihnachtliche Lichter nicht nur in allen möglichen und unmöglichen Farben und Formen schillern, sondern zugleich auch in jedem nur vorstellbaren Intervall blinken können.

Um Originalität bemühte Weihnachts-Deko-Designer kehrten dann kurzfristig dem alles zu verschlingen drohenden Lichtermeer den Rücken. Sie erfanden als ultimative und anfangs noch völlig ohne Licht daherkommende Gabe Giebel, Gauben, Balkone und Kamine erkletternde Weihnachtsmänner. Die mit Strickleitern ausgestatteten Weihnachtsmann-Modelle treten inzwischen freilich so gehäuft an unschuldigen Fassaden auf, dass sie zahlenmäßig wahrscheinlich mit den blinkenden bunten Lichterketten inzwischen schon gleichgezogen haben.

Erkennbare Begeisterung löst offensichtlich auch der neueste Trend aus, immer wieder über lange Strecken den Dienst versagenden Lichterketten eine klare Absage zu erteilen, um das romantische, aber zuweilen doch auch eher unzuverlässige filigrane Lichterleuchten winziger und damit auch empfindlicher Birnchen durch durchsichtige Schläuche am laufenden Meter zu ersetzen.

Die gerade zur Weihnachtszeit immer wieder gerne drohenden Niederschläge, die sich im allerschlimmsten Fall bis hin zu Schneeflocken steigern, können den nicht allzu charismatischen Schläuchen offensichtlich nicht allzu viel anhaben. Kaltes Blau setzt im offensichtlich für die Weihnachtszeit neu entdeckten pragmatischen Schlauchambiente einen rundum geschützten neuen Stimmungstrend, der im Vorjahr schon durch nicht allzu romantisch daherkommende Schläuche mit witterungsgeschütztem vorwiegend neongrünem Innenleben eröffnet worden war.

Gewissenhaft an Giebeln und Gauben verspannt, sollen wohl auch diese Schläuche mit dazu beitragen, trotz der herrschenden Kälte die Botschaft weihnachtlicher Wärme zu transportieren.

Dass die transparenten Endlosschläuche technisch den althergebrachten Lichterketten überlegen sein könnten und auch nicht über weite Strecken den Dienst verweigern, ist eine Weiterentwicklung, die Pragmatiker wohl eher erbaut, als unverbesserliche Weihnachtsromantiker.