Lokale Kultur

Prinzessin Scheherazade rettet sich vor ihrem Sultan Schahriar

KIRCHHEIM Die Stadtkapelle Kirchheim veranstaltete ihren traditionellen Jahresauftakt in der Stadthalle Kirchheim. Diese Veranstaltung fand zum zweiten Mal unter dem Titel "Concerto" statt und hatte mit der Stadtkapelle nur ein Orchester auf der Bühne. Die Verantwortlichen haben es sich mit dieser Veranstaltung zur Aufgabe gemacht, einem breiten Publikum hochwertige sinfonische Blasmusik zu präsentieren. Eines vorweg: Es ist dem Orchester unter Leitung von Stadtmusikdirektor Harry D. Bath auch in diesem Jahr gelungen.

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Eröffnet wurde das Konzert klassischerweise von einer Ouvertüre. "Roman Carneval" von Hector Berlioz entstand 1843/44 im Nachklapp zu seiner nicht sehr erfolgreichen Oper "Benvenuto Cellini". Die Ouvertüre bedient sich zahlreicher Melodien aus dieser Oper. Nach einer furiosen Eröffnung stellte das Englisch Horn das erste Thema melodiös vor. Nach und nach nahm der Rest des Orchesters das Thema auf, ehe das nächste Thema bereits in der Ferne erklang. Gekonnt verstand es Bath, das Tempo zu verschärfen und dabei seine Musiker exakt dem Taktstock folgen zu lassen. Das neue Thema wurde durchweg in allen Registern verarbeitet und von den Musikern gelebt. Immer wieder klang dabei auch das erste Thema durch den Klangteppich. Das gesamte Orchester präsentierte dieses lebhafte Stück sicher und gekonnt.

Das folgende Stück war der völligen Gegensatz. "Symphonic Movement" von Vaclav Nelhybel verlangte vom Zuhörer völlige Konzentration. Das Werk des Komponisten ist vollkommen auf sinfonischem Niveau komponiert und basiert auf einer einzigen 8-Ton-Reihe. Die Töne wurden zunächst einzeln mächtig aber solide vom Orchester präsentiert. Aus den einzelnen Tönen und fragmentarischen Motivstücken, die zuerst sehr gedehnt präsentiert, dann immer weiter verdichtet wurden, entstand eine melodische Abfolge. Konzentriert und exakt fügte sich jeder einzelne Musiker in dieses Gesamtwerk ein und trug seinen Teil zum Gelingen des Werkes bei. Immer wieder wurde der Zuhörer von neuen Motivstücken überrascht, die sich in den Gesamtklang mischten. Das Marimbafon spielte eine zentrale Rolle und die Musikerin wirbelte virtuos über die Klangstäbe ihres Instrumentes. Die fehlenden 4 Töne zur 12-Ton-Reihe kamen im gesamten Stück nur zwei Mal zum Einsatz: zuerst als Kontrapunkt beim ersten Einsatz des Hauptthemas im Allegro und zuletzt ebenfalls als Kontrapunkt beim letzten Einsatz des Themas im Schlussteil. Während der gesamten Schlusshälfte des Werkes lief ein rhythmischer Motor der tiefen Instrumente exakt durch das Werk. Unerbittlich und unerschütterlich trieb dieser Motor den Rest des Orchesters auf den Schlussteil zu, in dem noch einmal die gesamte Ausdruckspracht präsentiert wurde, ehe ein furioser Lauf das Werk beendete.

Nach diesem für den Zuhörer durchaus anstrengenden Werk gab es im folgenden Stück wieder etwas melodiöseres für die Ohren. Die Musikerinnen und Musiker präsentierten den dritten und den vierten Satz der "Sinfonie Nr. 3 Die Tragische" von James Barnes. Die Sinfonie ist in ihrer Gesamtheit einer "klassischen" Sinfonie nachempfunden. Das Werk wurde in einer schwierigen Lebenslage komponiert, nämlich kurz nachdem sein Baby Natalie verstorben war. So ist der dritte Satz seiner Sinfonie ein Mesto für Natalie, in der Barnes die Welt so darstellt, wenn Natalie in ihr gelebt hätte. Der Satz begann mit spieluhrähnlichen Klängen. Wie in einem Traum drang dieses kindliche Thema an das Ohr des Zuhörers. Dann plötzlich platzte die Realität herein. Ein herzzerreißendes Oboe-Solo brachte den Schmerz über den Verlust der Tochter überdeutlich zum Audruck. Die Oboe wurde vom Bariton-Saxofon abgelöst. Virtuos und sehr gefühlvoll wurde eine Melodie präsentiert, die zwar einerseits aufgewühlt, andererseits aber einen gewissen Liebreiz ausstrahlte. Nach und nach beruhigte sich die Gefühlswelt wieder und der Zuhörer verfiel in einen Tagtraum. Ein bezaubernd schönes Hornsolo ließ vor dem inneren Auge ein kleines, hübsches Mädchen erscheinen. Zuerst nur zaghaft gemalt vom Solohorn, dann über das Englischhorn hineinmündend in das gesamte Orchester wurde die Welt so packend schön dargestellt, dass der Zuhörer in der Tat eine bessere Welt vor Augen hatte. Ein Duett zweier Oboen wurde vom Sopran- und Altsaxofon übernommen, die eine traurige und packende Abschiedsmelodie für Natalie spielten. In der zweiten Hälfte des Satzes wurde das Thema noch einmal aufgenommen und nachdem die Fagotte die Abschiedsmelodie abermals herzzerreißend präsentiert hatten, verstummt der Satz nach und nach, ehe er mit einem friedvollen Akkord endet und Natalie zur letzten Ruhe geleitet. Waren im dritten Satz noch Trauer und Träumereien an der Tagesordung, so wurde der Zuhörer durch einen furiosen Beginn des vierten Satzes aus seiner Träumerei gerissen. Rhythmisch und voller Kraft verkündete der Komponist die Geburt seines Sohnes Billy. Das Thema wurde von den Hörnern vorgestellt, die mit ihrer brillanten Ausdrucksweise dem gesamten Satz bereits den Stempel aufdrückten. Dieses Thema wurde nach und nach von den weiteren Registern aufgenommen und verarbeitet. Tempo und Rhythmik stellten dabei höchste Anforderungen an jeden Musiker, die jedoch großartig gemeistert wurden. Das zweite Thema nahm eine Melodie aus dem dritten Satz wieder auf und erhielt bei aller Freude über den neuen Erdenbürger die Erinnerung an die verlorene Tochter aufrecht. Nach und nach vereinten sich die einzelnen Orchestergruppen mit ihrer Melodie und ihrem Thema, so dass der gesamte Satz letztendlich in einer mächtigen, aber exakten und präzisen Begeisterung endete und einen aufgewühlten und zutiefst bewegten Zuhörer im Konzertsaal hinterließ.

Nach der Pause stand dann das eigentliche Hauptwerk des Abends auf dem Programm. "Scheherazade" von Nikolai Rimsky-Korsakov umschrieb die Geschichte des Sultans Schahriar, der von der Falschheit und der Untreue aller Frauen überzeugt war und deshalb geschworen hatte, jede seiner Frauen nach der ersten Nacht töten zu lassen. Prinzessin Scheherazade aber gelang es, den Sultan mit Erzählungen aus "Tausendundeiner Nacht" so in in ihren Bann zu ziehen, dass er sein Vorhaben zunächst Abend für Abend hinaus schob und schließlich ganz davon abließ. Rimsky-Korsakov stellt in seinem Werk vier Geschichten vor, mit denen Prinzessin Scheherazade ihren Sultan begeisterte. Der erste Satz "Das Meer und Sindbads Schiff" begann mit einem drohenden Gesamtklang, der den Sultan mit seiner bösen Absicht vor dem inneren Auge erscheinen ließ. Die Blechbläser schafften es, umgehend eine düstere Atmosphäre in den Konzertsaal zu bringen. Diese bedrohliche Atmosphäre wurde jäh durchbrochen, als Prinzessin Scheherazade auf den Plan trat und mit ihren Erzählungen begann. Die liebliche Stimme der Prinzessin wurde hierbei von der Solo-Flöte und der Solo-Klarinette in einer zauberhaften Art und Weise interpretiert, von den Klängen der Harfe passend untermalt. Mit mächtigen Klängen und ausgedehnten Phrasen beschrieben die Musikerinnen und Musiker ein gigantisches Segelschiff. Bath verstand es als "Kapitän" des Schiffes Stadtkapelle, so manche Klippe zu umschiffen. Der zweite Satz begann abermals mit der lieblichen Stimme der Prinzessin, die alsbald die Geschichte vom Prinzen Kalander zu erzählen beginnt. Ein junger, lebendiger Prinz sprang vom Fagott technisch brillant interpretiert durch die Szene, ehe die Oboe den burschikosen Prinzen ebenfalls in spielerisch leichter Art weiter beschrieb. Diese mit dem Prinzessinenthema verwandte Melodie wurde alsbald darauf von Trompeten- und Posaunensignalen jäh unterbrochen, ehe das Fagott die anderen Holzbläser zu animierenden Triolenbewegungen einstimmte.

Im dritten Satz schlug die Stunde der Klarinette. Mit einem lieblichen Gesang wurde eine zarte Romanze zwischen einem Prinzen und einer Prinzessin vorgestellt. Der Klarinettenchor harmonierte hierbei meisterhaft und beschrieb die Romanze der beiden Verliebten hervorragend. Es gelang dem Dirigenten mit seinen Musikern, eine wahrhaft märchenhafte Stimmung zu zaubern. Im letzten Satz, der wiederum mit dem ungeduldig wirkenden Sultan-Thema des gesamten Orchesters begann, war die Spannung des Sultans auf die Fortsetzung der Erzählungen förmlich spürbar. Die Flöten stimmten daraufhin in schwieriger tiefer Lage einen wilden und spannenden Tanz an, der die Geschichte des Festivals einläutete. In den Straßen der Stadt kamen nach und nach viele Leute zusammen, um gemeinsam ein rauschendes Fest zu feiern. Brillant gelang es dem Orchester, das Fest zu beschreiben, bei dem die Nacht zum Tag gemacht wird. Letztendlich endet das Fest und das letzte Wort behält wie im gesamten Werk die "ewige" Melodie der Prinzessin Scheherazade, die mit ihren Erzählungen zum Ende kommt. Mit brillanten Akkorden und zauberhafter Lautmalerei geht letztendlich die Sonne über dem Sultanspalast auf und die Friedlichkeit der Klänge ließ erahnen, dass das Leben von Prinzessin Scheherazade endgültig gerettet war.

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