Kirchheim

Professor kritisiert Politiker

Umwelt „Nachhaltigkeit und Ökologie – nur Worthülsen!“: So war Martin Dieterichs Vortrag in der Stadthalle überschrieben. Seine Thesen provozieren. Von Heike Siegemund

Neubaugebiete wie das in der Ötlinger Halde braucht Kirchheim, weil Wohnraum knapp ist. Andererseits werden dafür Grünflächen ge
Neubaugebiete wie das in der Ötlinger Halde braucht Kirchheim, weil Wohnraum knapp ist. Andererseits werden dafür Grünflächen geopfert - das bemängelt Martin Dietrich. Foto: Jean-Luc Jacques

Einen „Radikal-Vortrag mit Fakten“, wie er selbst sagte, hielt Professor Dr. Martin Dieterich vom Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie an der Universität Hohenheim am Dienstagabend vor 35 Gästen in der Kirchheimer Stadthalle. „Nachhaltigkeit und Ökologie - nur Worthülsen!“: So war die Veranstaltung überschrieben, zu der die Kirchheimer Ortsgruppe des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eingeladen hatte. Und in der Tat stellte Dieterich, der Vorsitzende des BUND Kirchheim, provokante, auch irritierende Thesen in den Raum.

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Dieterich erklärte zunächst die Begriffe Nachhaltigkeit und Ökologie. Denn „in unserer vielfach gesättigten Informationsgesellschaft ist die Fähigkeit verloren gegangen, Fakten von Einzelbeobachtungen zu trennen“. Die beiden Begriffe seien inhaltlich von politischen Vorstellungen überlagert worden. Die Politik habe sie instrumentalisiert. Dies führe zu einem Bedeutungsverlust, weshalb die Rückführung auf die eigentlichen Inhalte unverzichtbar sei.

Begriffe wieder klarbekommen

Ökologie sei die wissenschaftliche Begründung von „Grenzen des Wachstums“. Ein Grundgesetz laute: Die Ressourcen sind begrenzt.

Der Begriff Nachhaltigkeit stamme aus der Forstwirtschaft. Er beschreibe ursprünglich eine Nutzung des Waldes, bei der die Entnahme von Holz nicht die Menge übersteigt, die durch Zuwachs beständig nachgeliefert wird. Will heißen: „Wir können nicht mehr aus den Ökosystemen rausziehen, als sie dauerhaft nachliefern können“, sagte Dieterich. „Es gibt eine Obergrenze für die Befriedigung von Bedürfnissen in den Gesellschaften.“ Doch das Problem sei: „Unser materielles Wohlstandsniveau kriegen wir nicht reduziert.“

Ein wichtiger Punkt sei die Bevölkerungszahl, die eine zentrale Bestimmungsgröße für die Nachhaltigkeit darstelle. Doch genau das ignoriere man seit den 90er-Jahren. Vor allem in Afrika und den islamischen Staaten gebe es ein hohes Bevölkerungswachstum. „Man muss an den Geburtenraten arbeiten. Eine andere Lösung gibt es nicht“, sagte Dieterich. Seine Aussagen zum Thema Zuwanderung bedeuteten zusammenfassend: Die Zuwanderer sorgen für einen noch größeren Flächenverbrauch und damit für eine Bedrohung unserer Umwelt und Natur. „Für mich war 2015 absehbar“, sagte der Referent mit Blick auf die sogenannte Flüchtlingskrise. „Ich habe vermisst, dass jemand gesagt hat: ,Wir müssen den verfügbaren Wohnraum verteilen‘.“ Auf die Leinwand projizierte der Referent: „Keine Nachhaltigkeit ohne Obergrenzen der Zuwanderung!“. Ein stetiges Bevölkerungswachstum bewirke ebenso eine Zerstörung der Lebensgrundlagen wie eine Politik mit dem Ziel eines fortgesetzten wirtschaftlichen Wachstums.

„Unsere Böden sind ein extrem knappes Gut - auf nationaler und globaler Ebene.“ Kirchheims Böden gehörten zu den besten: „Wir sind im Paradies und überbauen unsere Böden - das kann nicht sein“, echauffierte sich Dieterich: „Unser Flächenverbrauch ist grotesk hoch.“ Der Referent wies darauf hin, dass der BUND Kirchheim die Arbeitsgruppe Flächenverbrauch gegründet habe. Diese solle Bürger zusammenführen, die sich - auch ohne Mitgliedschaft in einem Umweltverband - für dieses Thema interessieren und engagieren wollen. Mit Blick auf die Kommunalwahl 2019 betonte er: „Es ist eine gute Zeit, sich einzubringen.“

„Sie haben uns die Fakten schonungslos präsentiert. Ist denn alles hoffnungslos?“, wollte am Ende des Vortrags ein Zuhörer wissen. Es sei schwierig, gestand Dieterich, doch „wenn man nichts macht, wird die Situation nicht besser“.

Er appellierte deshalb an die Gäste: „Tragen Sie die Fakten raus, wo Sie nur können.“ Ein anderer Zuhörer verdeutlichte, dass der Referent mit seinen Thesen ins rechtspopulistische Lager abdriften könne - Dieterich betonte: Von Rechtspopulismus wolle er sich abgrenzen.

 

Die Arbeitsgruppe „Flächenverbrauch“ der BUND-Ortsgruppe Kirchheim trifft sich am heutigen Donnerstag, 12. Juli, um 19.30 Uhr im BUND-­Umweltzentrum in der Max-Eyth-Stra­ße 8. Alle sind willkommen.