Lokale Kultur

Rappende Rezeptsprüche für depressiven Erfolgs-Geschäftsmann

KIRCHHEIM Zwar regnete es vorgestern nur einmal, dafür immerwährend. Somit war die Ortsfrage des Riesenmusicalspektakels mit über zweihundert Mitwirkenden

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PATRICK TRÖSTER

schon am Morgen entschieden: Man zwängte sich in die Stadthalle und die Zuhörer auch. Statt einer großen Aufführung im Freien am Marstallhof beim Schloss gab es deren zwei in der Stadthalle, um dem Publikumsandrang gerecht zu werden.

Der Texter Paul Nagler und der Blasmusik-Arrangeur und Komponist Kurt Gäble sind die Autoren des Musicals "Freude" für Kinderchor und Blasorchester, das am 1. April 2002 seine Uraufführung erlebte und seitdem im Lande stets an Popularität hinzugewinnt. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Die Message ist klar: Nicht unsere Kunstwelt mit seinen vielen Lebensersatzprodukten, sondern die Natur mit ihrer Erlebnisvielfalt macht uns glücklich.

Ein erfolgreicher Geschäftsmann ereilt eine Depression in seinem Glashaus, und eine gute, papageneske Fee bringt ihm das Leben wieder bei. Und die Musik ist gut instrumentiert, unkompliziert, bildhaft, leicht verständlich sowie vor allem süffig und mainstreamig. Alle Melodien kommen irgendwie schon bekannt vor, sind unerhört schon wohl gehört und klingen wie geschmälzte Margarine.

2003 wurde dieses Bring-back-Joy-to-me-Musical veröffentlicht, und Stadtmusikdirektor Harry Baths wacher Sinn entdeckte es. Eine vorbildliche Kooperation zwischen der Jugendkapelle der Stadtkapelle, den Chören des Ludwig-Uhland-Gymnasiums (LUG) und der Musikschule (MS) brachten es jetzt auf die Bühne. Das ist gelebte lokale Kultur, eine Event ohne eingeflogene Stars. Denn Sterne mit Sängerbegabungen und starenhaften Stimmen werden vor Ort geboren. Und nicht zuletzt: die vielen Mitwirkenden werden noch lange von diesem Spektakel zehren.

Bewundernswert war das Zusammenwirken zwischen Jugendkapelle, Kinderchor und Gesangssolisten, obwohl unter der Masse des Chores stellenweise die Textverständlichkeit litt, die Stimmen der Solisten im Gesamtklang aufgingen und der Glanz der Bläser den des Chores überblendete. Man war eben auf eine Freiluftaufführung eingestellt.

Musiklehrer Walter Pech vom LUG studierte die Chöre ein, Bertram Schattel von der MS erarbeitete die Partien der Solisten und Choreografien, Harry Bath übernahm den Part der Orchesterproben und leitete die gesamte Aufführung, Manuel Schattel fuhr das Licht und die Firma Pegasus sorgte für den Sound. Mit einem satten, samtigen Klang hub die Ouvertüre an, der sich ebenso gut im Freien entwickelt hätte. Von den Seiten strömten die zweihundert Schüler herein und formierten sich zu einem einheitlichen Klangblock. Die Solisten sangen mit portablen Mikrofonen. Raphael Beck verkörperte den Geschäftsmann und entwickelte einen wunderschönen schlanken und doch klangvollem Bass. In die Rolle der "Retterin" war Kristina Kirschbauer geschlüpft, deren heller, klar und doch weich tönender Sopran eine echte Musicalstimme darstellt. Noir war der eine gekleidet, rouge die andere.

Die Nummern des Freuden-Musicals wechseln hübsch in bester barocker Tradition zwischen Massenszenen, Duettpartien der Protagonisten und Soli ab. Bertram Schattel verband als mitfühlender Sprecher die Szenen und brachte die Handlung voran. Der Riesenchor sang trotz seiner Masse klasse, nicht zuletzt weil choreografische Elemente einerseits die vielen Sängerinnen und Sänger verbanden, sondern diese andererseits die Schlüsselworte des Textes illustrierten. Aus ihm lösten sich immer wieder einzelne Solisten und lockerten so das Gefüge auf. Höhepunkte waren dabei die rappende Rezeptvorträge, wie dem durchbluesten Geschäftsmann geholfen werden könnte und der Folkdance britischer Prägung, der polkahafte Bewegungen auf die Bühne brachte.

Das Publikum zog mit, und das nicht nur, weil die vielen herbeigeeilten Eltern ihre Kinder bewunderten. Die Aufführung war aus einem Guss, und allen Beteiligten stand die Freude des Musicals "Freude" in den Gesichtern geschrieben. Der Erfolg liegt schon in der Idee begründet, mit Hilfe von Kooperationen solche Projekte auf die Beine zu stellen. Wenn dann noch ein Schuss Popularität hinzukommt, der die Aufführung beflügelt, gibt es nur Gewinner. Bleibt zu hoffen, dass die dieses Jahr versuchte Eventreihe "Kunst und Kultur am Schloss" eine Fortsetzung erfährt, um künftig für ähnlich übergreifende Projekte einen Anreiz zu bieten.